Doña Efigenia

Doña Efigenia ist eine ganz besondere Frau. Sie ist die Chefin des Restaurants La Montaña in Las Hayas oberhalb des Valle Gran Rey, bequem fußläufig vom Strand aus in drei bis fünf Stunden zu erreichen (wenn man etwas trainiert ist). Mit dem etwas herben Charme ihres Restaurants und der eigenwilligen Küche hat sie sich einen Ruf erarbeitet: es gibt, im Prinzip, seit mehr als dreißig Jahren nur ein Menü: Salat mit Gofio und Mojo Roja, Eintopf, Kuchen zum Kaffee, Likörchen hintendrauf. Klingt komisch, ist auch so. Aber: es schmeckt! Der Salat ist immer eine sehr abenteuerliche Mischung aus Obst und Gemüse –  wir bekamen dieses Jahr Eisbergsalat mit Zwiebeln, Tomaten, einer Möhrenscheibe und Banane nebst etwas Melone. Dressing? Fehlanzeige. Denn den Salat isst man in Kombination mit Gofio, und das in Kombination mit Mojo Rojo. Gofio ist geröstetes Getreide (Gerste, Weizen, Mais), das mit Milch oder Brühe zu einem Pamp verrührt wird. Wie so oft bei einfachen traditionellen Gerichten: es schmeckt bei weitem besser als es klingt und aussieht! Mojo Rojo ist im Prinzip Paprika mit Olivenöl und gerne auch Knoblauch und Chilischoten, damit’s nicht so fad ist.

Nach einer anstrengenden Wanderung ist so ein Menü eine Köstlichkeit. Der dazu gereichte Wein ist herb und einfach wie das Essen, aber zusammen passt’s schon. Die Preise (2006 und 2007) sind ein Gedicht: das Essen inklusive Kaffe, Kuchen, Likör zehn Euro pro Person, der Wein vier Euro pro halbem Liter. Gratis dazu gibt es Doña Efigenia, die sich immer noch liebevoll einmischt und zwei hungrigen Wandersmännern einfach Gofio nachreicht, damit sie auch richtig satt werden. Und wenn kleine Kinder da sind, bringt sie ihnen schon mal eine Tüte mit Obst. Unsereins bekommt zum Abschied neben der Rechnung Bonbons –  gewöhnungsbedürftig, aber nett gemeint.

Ach ja: Zeit sollte man mitbringen. Denn wenn der Eintopf noch nicht fertig ist, geht gar nichts. Und manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass auch erst genügend Gäste da sein müssen, bevor überhaupt was losgeht. Wenn man aber Zeit hat, geht alles schnell genug!

Aufstieg im Tal des Großen Königs

Valle Gran Rey

Das Tal des Großen Königs ist nicht ohne Grund das beliebteste Ziel von Gomerabesuchern. In seiner Lieblichkeit ist es irgendwie unübertrefflich, die Zahl möglicher Wanderungen scheint unermesslich, die Ausblicke sind grandios und immer wieder neu. Angesichts solcher Superlative ist und bleibt es mir immer ein Rätsel, wie einige, an dieser Stelle muss ich sie mal so nennen: Wanderfreunde im D-Zug-Tempo die Landschaft durchpflügen. Sie hirschen starren Blicks an uns vorbei und genießen es sicherlich, als letzte losgegangen und als erste am Ziel zu sein. Das wird mir nie passieren, schon weil das nötige Quantum an Sportivem fehlt. Obendrein bleibe ich immer wieder mal stehen, um mich umzusehen – meist lohnt es sich der Blick zurück ohne Zorn, weil eben mit jedem erklommenen Höhenmeter sich das Tal neu präsentiert.

Es gibt viele Wege von den Orten an der Küste bis hoch auf die Berge (und mindestens ebenso viele wieder herunter). Wir wählten die Kombination eines zwei-Schluchten-Aufstiegs mit krönendem Abschluss bei Doña Efigenia und Rückfahrt als Tramp bei netten Mitnehmern.

Ein guter Ausgangspunkt der Wanderung ist die Kirche “Ermita de los Reyes” bei El Guro – der Weg bis dahin ist nämlich eher langweilig und führt durch vermülltes Gebiet. Der Wanderweg GR 132 verlässt zwar das Valle und schlägt sich quasi rechts in die Berge hinein – aber es gestattet herrliche Blicke in das Tal. Es geht immer hübsch bergan, von etwa 145 Metern Höhe bei El Guro bis zur Degollada del Cerrillal, die 658 Meter hoch ist. Die Kammhöhe ist ein idealer Rastplatz, meist ist man hier auch nicht allein: An der Weggabelung biegen etliche Mitwanderer rechts ab, um die Hochfläche von Las Pilas zu besuchen und von dort auf Vueltas und die Schweinebucht herunter zu gucken.

Wir aber wollten ja nicht zurück, sondern hoch: Links ab also, nun bereits im Barranco de Argaga, ist es grün und gemütlich. Warum wir nun erst mal wieder bergab wandern, um dann – nach der Ãœberquerung eines Baches – wieder hoch zu tapern, bleibt unbeantwortet oder kriegt die lapidare Antwort: Das ist nun mal so. Nach dem Ab und Auf beginnt ein lustig-luftiger Abschnitt: Der Weg verläuft größtenteils in einem Wasserkanal, der für den Wassertransport zu verfallen ist, uns aber geduldig ertragen muss. Natürlich ist das nichts für meine schwachen nichtschwindelfreien Nerven. Aber bevor ich wieder loskrabbele, erfindet Sylke die seit Kindergartenzeiten beliebte Methode “Händchen halten”. Und siehe da: Sobald ich was zu fassen habe, fühle ich mich sicher(er) und zottele brav hinter Oberschwester Sylke hinterher. “Ist doch gar nicht schlümm!” sagt sie und hat sogar Recht.

So geht es also mäßig leicht weiter hoch bis zur Alm La Matanza, die für Postkartenbilder idyllisch liegt und sich heute auch noch mit einem latenten (weil nicht sehr ausgeprägten) Regenbogen schmückt. Beim Wort Regenbogen bzw. ursprünglich natürlich beim Erblicken eines solchen muss ich immer denken, dass das zwar schön aussieht, aber eben auch auf die Anwesenheit von Regen schließen lässt. Dieses Mal verzog der sich aber rechtzeitig, so dass wir trockenen Fußes die letzten Höhenmeter erklommen und im 1030 Meter hoch gelegenen El Cercado das verdiente Wanderbier einnehmen konnten. Der richtige Platz dafür ist die Bar Victoria direkt an der Straße im Dorfinnern. Es gibt colarote Plastikstühle und naturbelassene Baumstammhocker, die wir bevorzugten. Der junge Wirt ist ein netter und betrachtete voller Respekt unsere mitgeschleppte Kameraausrüstung. Gerne wären wir geblieben und hätten das Kaninchen probiert, das auf der Karte steht – aber wir wollten ja weiter zu Doña Efigenia.

Valle Gran Rey

Der Weg dahin führt uns, so ist das auf Gomera, erst mal rund hundert Meter hinab und dann fast genau so viele Meter wieder hoch (Las Hayas, wo sich das Restaurant La Montaña befindet, liegt 1000 Meter über dem Meeresspiegel). Aber der Weg ist absolut lohnend, weil man immer wieder ins Valle sieht, das in der spätnachmittäglichen Sonne bereits im Schatten der Berge liegt und daher sehr grafisch abstrakt wirkt. Das Meer ganz weit unten hingegen glitzert und bereitet sich auf den Sonnenuntergang vor. Und während das Meer vor sich hinglitzert, bereiten wir uns auf den Besuch bei Doña Efigenia vor…

Unterwegs im Osten

Das Wetter auf La Gomera spielt zumindest im November gerne verrückt. Man kann sich auf nichts verlassen – weder auf das, was am Vortag war noch auf das, was man morgens beim Blick aus dem Fenster sieht. Also war es gestern wunderbar und heute früh vielleicht auch beim Blick aufs Meer – und dann siehst du hoch in die Berge und denkst: hm, wo sind sie denn, die Berge? Denn du siehst nichts außer Nebel, Wolken, Grau.

Was da oft hilft, ist eine Fahrt hoch hinein in die Suppe, um dort mal zu sehen, wo es heller ist. Erfolg hat man meistens beim Blick Richtung Süden – doch da wandert’s sich nicht immer so nett (Ausnahmen bestätigen die Regel). Manchmal sieht’s auch im eigentlich typisch verregneten Norden gut aus, und manchmal treibt einen die Suche nach Sonne in den Osten der Insel. Ein Wanderparadies ist das da allerdings nicht, aber von der Carretera del Norte – der Verbindungsstraße der Inselhauptstadt San Sebastian mit Hermigua im Norden – geht eine schnucklige kleine Wanderung aus. Wie immer gut ausgeschildert trifft man hier auf die Route PR LG 1.

Ich sag’s gleich: Das eigentliche Ziel, die weißen Höhlen, haben wir aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erreicht, aber wenn der Weg das Ziel ist, sind wir permanent angekommen. Das geht gleich am Anfang los: man läuft ein wenig bergauf, bewältigt quasi noch ohne Japsen die ersten der 250 zu erklimmenden Höhenmeter – und sieht die Roques! Diese monumentalen Felsen sehen einfach nur gut aus, und wenn es sich gerade so ergibt, dass am bewölkten Himmel ein Sonnenloch den Strahl wie einen Scheinwerfer auf den Roque de Agando wirft, dann ist das für die Glückshormone der korrekte Augenblick, sich auszuschütten. Passenderweise hat es bergauf ja gerne Serpentinen, so dass man mal hierhin und mal dorthin blickt. Bei dieser Wanderung ergibt es sich, dass man abwechselnd auf den kuscheligen Hafen von San Sebastian und auf die Felsbrocken im Inselinnern blickt. Das roquet!

Der schnellste Weg zu den weißen Höhlen führt zweifelsohne nicht da lang, wo wir gewandert sind. denn wir folgten den verheißungsvollen Versprechungen unseres Wanderführers und drehten, einmal oben am Kamm der Altoz de Uteza angekommen, eine liebliche Ehrenrunde. Bevor wir die hier aber antreten, müssen die Schönheiten der Höhe noch schnell gerühmt werden. Man sieht: alles! Also auch El Teide, drüben auf Teneriffa. Leider hüllt sich der Teide in Wolken, aber das kennt man ja. Rechts am Kamm vorbei geschaut erblickt man San Sebastian. Ehrlich gesagt sieht der Ort nur von weitem richtig gut aus, sehr viel näher muss man gar nicht ran, denn das Detail ist längst nicht so reizvoll wie der Gesamteindruck von hier oben aus 695 Metern Höhe (plus ca. 165 cm Kamerahöhe…)! Insgesamt aber ist das Panorama beeindruckend. Das schweifende Auge bleibt – mal wieder – an einem Fels hängen, der wie ein Riesen-Gesicht aussieht mit zwei Augen und einem runden Kullermund. Fantasy-Film-Ausstatter brauchen eigentlich gar keine Phantasie, sie müssten nur Urlaub an den richtigen Stellen machen und sich von der Natur inspirieren lassen!

Der empfohlene Umweg über die Häuser von Enchereda ist von der Kategorie “schön, aber”. Gar liebliche dornige Pflanzen haben die Macht über den Weg dorthin übernommen, was zu reizvollen Kratzern eigentlich überall führt. Man pirscht durchs Gehei und wird dann auch noch mit einem kleinen Regenschauer belohnt. Das hätte doch im Wanderführer stehen müssen! Abgesehen davon läuft es sich da ganz nett, und bei Sonne betrachtet liegt die Ziegenalm Enchereda sicher auch ganz reizvoll am Hügel. Wir stapften aber etwas lustlos mit Regenjacken und Kapuzen auf der Zubringerstraße zu der Häuseransammlung entlang Richtung La Guerode. Einen Vorteil hattte das bescheidene Wetter: Wir waren allein dort unterwegs – und es roch gut! Der Weg führt nämlich durch einen Kiefernwald, der bei Regen doppelt lecker duftet als es sowieso schon seine Aufgabe ist.

Irgendwann hörte das Gedröppel auch wieder auf, aber einen Anblick gönnte uns der aufhörende Regen noch: Ein wanderndes Paar kam uns bei La Guerode vauf dem Bergkamm entgegen – mit aufgespanntem Regenschirm. Very British! dachte ich, bis sie uns wenig später bei der Begegnung auf deutsch ansprachen, da schon ohne Schirm, weil der Himmel sich mittlerweile wieder eingebläut hatte.

Wir also rauf wo sie gerade runter kamen. Eine Felsnase gibt den Rastplatz auf vortrefflichste Weise, danach wird’s ein bissl enger und luftiger und – ach, was soll ich sagen: der Nichtschwindelfreie in mir bekam wieder Oberwasser und verlangsamte das Tempo. Slowfoot Uli in Verbindung mit Fotografieren wegen bezaubernder Farben an den Felsen und dramatischen Blicken nach hier oder dort sind eine ungünstige Kombination, um Wanderzeiten einzuhalten. Außerdem haben wir den Weg nicht gefunden, der laut Wanderführer “links etwas undeutlich und stark vermüllt” abzweigt, und obendrein dräute bereits wieder eine Wolkenfront, so dass wir beschlossen umzukehren. Zur Belohnung trafen wir die Außerirdischen wieder, die schon Vallehermoso heimgeleuchtet hatten. Dieses Mal strahlten sie La Laja und Los Chejelipes an, sind aber offensichtlich wieder unentschlossen weiter gezogen, denn in den Zeitungen stand nichts von ihrem Besuch zu lesen.

Alojera im Nordwesten

Oh wie schön ist Gomera! Sonne am Morgen, sogar einen Sonnenaufgang hat’s links hinterm Felsen von Argayall gegeben. Da werden sich die dort ansässigen Transluzenten und ihre spirituellen Freunde gefreut haben – falls sie schon wach waren. Die Meditation bei den Baghwans findet nämlich zur touristenfreundlichen Zeit statt: von acht bis neun. Da kraucht sogar die spätherbstliche Sonne schon um die Felsen herum…

So einen schönen Tag nutzt man am besten für eine ausgiebige Wanderung, steht früh auf und schafft eine Menge. Ich ging nach dem Sonnenaufgangumdieeckebild wieder ins Bett, bis das Licht unerträglich hell wurde. Dann gönnten wir uns noch ein nettes Frühstück am Meer, also auf dem Balkon mit Blick aufs selbige, über die Straße hinweg. Anschließend beschlossen wir, die in unserer Literatur als extrem schön eingestufte Wanderung von Arure nach Alojera (“abschüssiger Panoramaweg durch die Steilwand”, “unangenehm gerölliger Camino”) weitestgehend mit dem Auto zu absolvieren.

Alojera, so schreibt die hübsche und extrem kundige Izabella Gawin in ihrem “handbuch für individuelles entdecken” sei das “schönste Ausflugsziel im Nordwesten”. Einerseits hat sie recht, denn es ist wirklich verdammt malerisch da unten – aber andererseits gibt es auch kaum einen anderen Ort im Nordwesten, so dass die Konkurrenz nicht so irrsinnig groß ist.

Auf dem Weg ins hübsche Alojera beglückwünschten wir uns zur Entscheidung, diesen Teil der Insel mit dem Auto zu erkunden. Der Weg ist nämlich irre lang und keineswegs immer romantisch, es sei denn dass man Haarnadelkurven liebt. Um es vorweg zu nehmen: Auf dem Rückweg fanden wir’s erheblich schöner, was auch am Wetter lag: Die Sonne hatte uns nämlich beim Hochfahren verlassen, und im Nebel wie im Wolkengrau ist nahezu jede Landschaft fad. Zurück hatten wir die Sonne im Rücken, und nicht nur wegen des Reimes brachte das Entzücken.

Badebucht

Alojera selbst erschien uns – trotz Bars, Kirchlein und einem attraktiven Kreisverkehr, eines Halts nicht würdig, so dass wir etwa drei Kilometer weiter fuhren Richtung Strand. Und der ist einfach “wow”! Die Straße endet, es öffnet sich eine felsenumgebene Bucht mit feinem schwarzen Sand, eine kleine Mole bricht die Wellen für die Badenden und ein paar strandnahe gischtumtobte Felsen geben sich mit eindrucksvoller Geduld den Fotografen hin. Theoretisch hat es zwei Restaurants dort, aber “Brisas del Mar” war geschlossen und laut Schild zu mieten. Das andere nutzte die Chance und bot alles deutlich teurer an als im Valle Gran Rey und andernorts an der Küste. Aber dass das “Prisma” als Bar und Restaurante in dem 20-Haus-kleinen Flecken überhaupt zu Diensten steht, ist schon nett, und da zahlt man ja gerne auch ein paar Euro mehr.

Playa de Alojera

Völlig kostenlos gab es das Spektakel der Natur – mit und ohne Gewalten: Zum einen kommen die Felsen ziemlich schroff bis ans Ufer, um dann steil ins Wasser zu fallen. Das sieht schon recht imposant aus! Und dann kommt, von der anderen Seite, das Wasser und zerbricht an vorgelagerten Felsen wie an der Mole. Ein dort stehender Angler war nass, als ob er Untertagefischen betrieben hätte. Stundenlang hätte ich den anrollenden Wellen zusehen können, die mit Getöse über einen Fels im Wasser kamen, sich aufbäumten, zerstoben und gebrochenen Wellenherzens sacht ausrollten. Ich ging dann aber doch eher, weil das Objektiv vom Salz in der Gischt blind war und das Salz auf meinen Lippen nach einem Getränk schrie…

Zur allgemeinen Freunde von Sylke und mir kostete der Landwein auch hier nur einen Euro, so dass man sich das kohlensäurefreie Wasser sparen konnte. Zwei Männer im feinen Touri-Outlook, bevorzugten Kaffe und saßen mit uns an einer Mauer unterm Restaurante, um dem Meer zuzusehen und sich von Sylke fotografieren zu lassen.

Alojera

Wie schon erwähnt, gestaltete sich der Rückweg (naja: die Rückfahrt) freundlicher. Mit Sonne und blauem Himmel kamen die Palmengruppen und die Terrassen in den Bergen viel besser zur Geltung, und wir gerieten kurzfristig derart ins Schwärmen und Palavern, dass wir dabei offensichtlich vom rechten Weg abkamen. Jedenfalls fuchtelte ein Mensch vom Bau an einem Haus gar fürchterlich mit den Armen und deutete uns an, dass der von uns befahrene Weg eher im Nirgendwo enden würde und mit so einer Art Auto wie dem unseren nicht befahrbar sei. Wir waren dankbar, aber die erste längere Rückwärtsfahrt bis zu einem akzeptablen Wendeplatz auf la Gomera wird mir als nicht wirklich prickelnd in Erinnerung bleiben. Dafür erinnere ich mich gerne an die Stelle vor der Bar, an der Ein LKW und drei PKW sich zum Plausch versammelt hatten. Ihre fahrer plauschten auch, und zwar in der Bar. Zufällig kamen sie nach wenigen Minuten Wartezeit heraus und entknäuelten das Wirrwarr, so dass wir uns die endlosen Serpentinen in die Wolken des Regenwaldes hochschrauben konnten.

Am Abend hatten wir Gewitterregen vom Feinsten und einen plötzlichen farbenfrohen Sonnenuntergang, der die Insel (bzw. “unseren” Teil, also das Valle Gran Rey) in ein nahezu kitschig rotes Licht tünchte…

Unterwegs bei Vallehermoso und am Roque Cano

Wir hatten uns für die erste Wanderung etwas Leichtes ausgesucht: nur 600 Meter Höhenunterschied. Selbstredend erst rauf, dann runter. Beides allerdings im lockeren Winkel, also (bis auf ganz wenige Meter) weder die Pumpe zerreißend noch in die Waden beißend. Vallehermoso-Wanderungen beginnen am Dorfplatz des Ortes – was den Vorteil hat, dass sie da auch enden. Wo da der Vorteil liegt? Nun, an der Plaza de la Constitución gibt es Bars und Restaurants… Wie genau die Wanderung geht, beschreiben die Wolfspergers als Tour 40 in ihrem Rother Wanderführer. Hier nur die Quintessenz und die Dinge, die in einem allgemein gehaltenen Wanderführer, weil nicht verbindlich, keinen Niederschlag finden. Zum einen also der Hinweis, dass das zwar eine gemütliche Tour ist, aber durchaus nicht unanstrengend, wenn man nicht im Training ist. Immer geht es nur hoch, und wenn da nicht die versöhnlich traumhaften Blicke ins Tal wären, könnte man gleich zu Beginn verzweifeln. Aber es gibt sie eben massig, diese Blicke. Fixpunkt ist immer wieder der Roque Cano. Roque, das wissen wir mittlerweile, heißen hier (wie überall im Spanischen) die Felsen – dieser ist ein besonders schöner alter Schlot. Aber warum Cano? Das bedeutet weißhaarig. Dabei ist der Berg doch hübsch gelb, also irgendwie blond. Die Antwort ist ganz einfach: Morgens pflegen weiße Wolken den Roque zu umhüllen, was ihm das Graukappenaussehen verleiht. Im Laufe des Tages machen sich die Wolken dann aus dem Staub, so dass unsereins das so richtig gar nicht mitbekommt.

Wir waren ja, weil das Wetter verkehrte Welt spielte und ganz im Gegensatz zu üblichen gomerischen Gepflogenheiten im Valle Gran Rey das Grauen gab und bei Vallehermoso die Sunshine-Nummer abzog, frohen Mutes losgestapft. Richtung Regenwald sah es immer nach Regen aus – aber der sollte ja rechts liegen bleiben bei unserer Wanderung. Aber ausgerechnet am diffizilsten Stück, einem Camino, “der sich über einen steilen Bergrücken nach El Tión hinaufwindet” (so steht’s im Rother), windet nicht nur der Weg: es brist deutlich auf, ein sicheres Zeichen für drohendes Unheil. Das ist dann auch blitzschnell da: dicke fette Regentropfen! Sylke sieht es positiv: Endlich einmal kann sie die Regenjacke aus dem Rucksack holen und hat nicht das Gefühl, das Teil immer umsonst mitgeschleppt zu haben. Schade schade, so kann man ja gar nicht richtig die spannenden Blicke des links wie rechts steil abfallenden Weges genießen! Das Gefriemel mit Kamera, Jacke und Rucksack auf dem schmalen Weg war natürlich was für meine nicht schwindelfreien Nerven! Aber ich muss sagen, es hat sich gelohnt, denn nachdem alles wieder in Ordnung war – also die Kamera stat draußen im Rucksack und die Jacke statt im Rucksack an mir (sage jetzt keiner: am alten Sack!) – nachdem also die Regenwandergrundordnung hergestellt war und ich ungefähr sieben Schritte gesenkten Hauptes vorwärts gestiefelt war, hörte die ungewünschte Bewässerungsaktion auf. Da kann man nichts machen, und so wirklich böse war ich ja auch nicht – zumal ein Haus am Ende des Pfades erreicht war, das erstens offensichtlich gerade nicht bewohnt war und zweitens eine Bank neben der Tür hatte: ein idealer Rastplatz!

Das schnell wieder freundlicher werdende Wetter erlaubte wirklich atemberaubende Blicke. Eigentlich haben die Inselbewohner es trefflich auf den Punkt gebracht: Vallehermoso, das schöne Tal. Satt sehen kann man sich da sowieso nicht, also laufen wir weiter. Ein als steil bechriebener Weg ist es wirklich, aber er ist traumhaft kurz. Danach beginnt der gemütliche Teil, zumal es von nun an nur noch ganz sanft bis auf 750 Meter hoch und dann meist bergab geht. Für einen Besuch des Restaurants Roque Blanco ist es leider zu spät, wir kommen ein andermal! Dafür haben wir, wenn auch nur schemenhaft, den schönsten Berg von La Gomera gesehen: El Teide. Der steht zwar eigentlich auf Teneriffa, aber ist von Gomera aus immer wieder ein toller Blickfang!

El Camino, der Pfad. Auf Gomera sind alle alten Wege Caminos. Wir nutzen jetzt einen, der uns mit aahh und oohhh und offenem Mund einen ganz traumhaften Abstieg nach Vallehermoso beschert. Ausgeschildert ist er als GR 132 “por el camino del Roque Cano”, und er steht auf der Liste der schönsten Wege der Insel, die Sylke und ich während dieser Wanderung spontan begonnen haben. Sattes Grün im Nahbereich, rötlichbraune Berge in der Ferne, ein munteres Spiel der Wolken (ja, wenn sie weit weg sind, mag ich sie!) und dramatische Durchbruchversuche der untergehenden Sonne. Als ob Außerirdische mit riesigen Raumschiffen und gigantischen Scheinwerfern die Gegend absuchten! Wahrscheinlich waren es Außerirdische, denn das gleiche Phänomen sollten wir noch an einigen anderen Stellen erleben!

Und dann der Roque Cano! Wenn der Teide der schönste Berg von Gomera ist, der nicht auf der Insel steht, dann ist das der schönste auf der Insel! Erst lugt nur die spitze hervor, dann sieht man mehr – und immer in diesem grandiosen Abendlicht, das den sowieso rötlichen Felsen so wundersam einlullt, während Vallehermoso nach und nach im Schatten der Berge verdunkelt.

An Höhe verlierend nähert man sich dem Roque und seinen Nachbarfelsen. Die sehen übrigens sehr lustig aus: Wenn man genau hinsieht, erkennt man zwei Gesichter mit tief eingefallenen Augen, die aber keineswegs totenkopfartig erschröcklich aussehen, sondern eher verschmitzt. Wenig später sahen uns aber nicht nur die vier Felsaugen an, sondern mindestens zwanzig Schafsaugen. Der klassische Augenblick, bei dem sich Tier und Mensch gegenüberstehen und man nicht wirklich weiß, wer sich hier mehr vor dem anderen fürchtet. Nicht dass ich Angst vor Schafen habe, im Gegenteil: als Käse liebe ich sie sogar, gegebenenfalls auch in einem deftigen Eintopf. Aber auf einem beschränkt breiten Weg mit Fels zur einen und Schlucht zur anderen Seite…

Die Schafe mögen ähnlich gedacht haben. Nein, natürlich nicht die Sache mit dem Käse und dem Eintopf, da sind Schafe einfach anders gestrickt. Aber so wie sie erst uns und dann sich ansahen, haben sie sicher auch die Möglichkeiten durchgecheckt, die sich ergeben. Mehrheitlich entschieden sie sich für die Flucht nach vorn – bis auf zwei, die ein wenig die Anhöhe raufpolterten, um dann festzustellen, dass sie keine Bergziegen sind und nicht so recht Halt fanden. Also rutschten sie wieder runter auf den Weg, so dass wir nun eingekesselt waren. Ich versuchte mit den beiden Schafen zu reden, die hinter uns waren. Irgendwie guckten sie nervös, so als ob sie zurück zu den anderen wollten. Und die anderen sahen sich auch um in einer nicht gerade beruhigenden Weise. Sie guckten verärgert, um das mal so zu sagen wie wir das empfanden. Mein Problem ist natürlich, dass ich beim Spanischunterricht nicht aufgepasst habe und überhaupt kein schafisch spreche. Außerdem sind die Inselbewohner ja bekannt dafür, dass sie keine Fremdsprachen beherrschen. Ich also mit Händen und Füßen und die Schafe mit doofen Blicken und nervösem Geblöke: eine traumhafte Konversation! Aber irgendwie klappte es doch mit der Verständigung und die beiden polterten an uns vorbei zu den anderen.

Eine Weile trottete die Meute dann noch vor uns her, wobei das Schlusslicht sich immer Mühe gab, uns böse anzusehen. Jaja, wir verstanden und hielten Abstand. Als es dann – für Schafe, zumindest, das ist ja alles relativ – irgendwann endlich eine Möglichkeit gab, sich rechts in die Büsche zu schlagen, taten die Schafe das. Unter den wachsamen Augen des Bosses stolperten die anderen bergab, wir sagten brav “tschüss und auf Wiedersehen” und wanderten dann wieder alleine weiter. Nach einer eleganten kurve ging es direkt vorbei am Fuß des Weißhäuptigen, was sehr beindruckend war, denn das ist schon ein mächtiges Stück Fels, was da in den Abendhimmel ragt.

Den Anblick sollte man auf sich wirken lassen, dann die letzten Meter bergab zur Plaza sind von unaufgeregterSchlichtheit…

“Fee macht sowas nicht!”

An manchen Tagen sage ich Dinge, die ich meinen Kindern bei den Versuchen, ihnen Erziehung angedeihen zu lassen, verbieten würde. Auf dem Weg zum Reisebüro, genauer: direkt davor, passierte es, dass ich laut “Scheiße!” fluchte. Nicht, weil ich realisierte, dass jeder Urlaub seinen Preis hat, selbst individuell zusammengestellter – nein: der Preis für unser Appartement war in Ordnung, und das Reisebüro als Mittler eigentlich auch.

Warum also das Fluchen? Ganz einfach, es war wörtlich gemeint, denn ich saß zwar nicht in der, trat aber ziemlich heftig in die Scheiße. Das hat mir ziemlich gestunken, denn so viel Schuhwerk hatte ich ja nun auch nicht mit, um das einfach austrocknen zu lassen. Notdürftig (hihi, welch passende Worte die Sprache doch manchmal bereit hält!) strich ich die hündischen Verdauungsprodukte am Wegesrand ab und betrat betreten das Reisebüro. Vor mir dran war eine offensichtlich auf Gomera wohnende Dame, die über einen Flug in die Ferien – also weg von der Ferieninsel – verhandelte. Von links plötzlich die Stimme von Klaus (der Klaus, muss man wissen, ist der Chef des Reisebüros. Auf Gomera haben sie das “Sie” abgeschafft, da duzt man sich munter drauflos und kennt die Leute folgerichtig eher beim Vor- als beim Zunamen). Klaus also tönt von links und spricht die Kundin an: “Dein Hund hat sich direkt vorm Reisebüro ordentlich erleichtert!” – und unausgesprochen schwang da mit, dass er das scheiße findet und die Kundin wenigstens auf ihren Liebling aufpassen, oder besser noch: die Hinterlassenschaften beseitigen könne.

Da dachte die Werteste aber überhaupt gar nicht dran. “Fee macht sowas nicht!” säuselte sie, reichlich entsetzt ob solcher Unterstellungen. Sie guckte, als ob Klaus behauptet hätte, sie habe sich erleichtert, aber das hatte er definitiv nicht gesagt, auch nicht gemeint. Madame widmete sich also wieder ihrem Flug und Klaus seinem Fluch: er holte Sand, Schippe und Eimer und erledigte den Job als Hundekotkehrer.

Als wir dann dran waren, gab es noch einen kleinen Disput, aber wirklich nur einen kleinen (den großen haben wir uns für später aufbewahrt). Es war nämlich so, dass wir am Vortag nachmittags ins Domizil gekommen waren, um eine Schnitte unseres morgens frisch gekauften Nussbrotes zu essen. Das hatten sich aber vor uns schon Hunderte von netten kleinen Tierchen, die wie Ameisen aussahen, auch überlegt: sie färbten das leckere Brot in tiefes Dunkel. Man hätte sie beinahe schmatzen hören können, aber Ameisen (es waren tatsächlich welche) schmatzen nicht. Sie verlegen sich aufs geschäftige Hin- und Herwuseln – und sie geben sich keineswegs mit der Brotoberfläche ab, sondern verkriechen sich mampfend bis tief ins Innere. Sylke war der Appetit vergangen, und sie schüttelte auch etwas ungläubig den Kopf, als ich versuchte, die Ameisen mit Klopfen aus dem Brot zu jagen. Wir haben dann also kein Nussbrot gegessen und sind abends ins El Puerto gegangen, über das später noch zu schreiben sein wird.

Diese Sonntagnachmittag Homestory erzählten wir also der netten Dame aus dem Reisebüro, die uns darauf ein breites Lächeln schenkte. Es war so eins von der Art, wo man sich hinterher stundenlang streiten kann, ob sie einen an- oder ausgelacht hat. Ich war für die “an”-Variante, Sylke für die mit “aus”. Wie auch immer: Hormigas, wie Ameisen auf spanisch heißen, gehören zu Gomera wie die Mücken zum Spreewald, meinte sie: “Die leben hier, auch und eigentlich sogar ganz gerne in Küchen.” Auf unseren Hinweis, dass “hormigas” nur entfernt so klingt wie amigas und diese possierlichen Tierchen keineswegs unsere Freunde seien, lächelte sie wieder und rief die Hausverwaltung an, die uns dann wenige Minuten später eine Dose Treibgasameisentod schenkte. Von da an kam alles in den Kühlschrank, was irgendwie nach Essen aussah!

Neben dem Hund und den Ameisen hätte es übrigens noch einen anderen Anlass zum Fluchen geben können: das Wetter hatte offensichtlich genau aufgepasst und beschlossen, Sylke nicht Lügen zu strafen. Die hatte, ich schreib das zur Erinnerung einfach nochmal auf, nämlich am Tag zuvor ganz toll gefunden, wie schnell das Wetter sich hier ändere! Es war also wieder alles grau. Der blaue Himmel war quasi Schnee von gestern, die Sonne versteckte sich wo auch immer – wir sahen sie nicht. Leicht missmutig stiegen wir also ins Auto, um besseres Wetter zu suchen.

Erst mal wurde die Suppe eher dichter. Oben in Arure war die Welt nach 75 Metern zu Ende. Wenn man allerdings die 75 Meter voran gekommen war, sah man wieder etwas weiter – das Ende der Welt war offensichtlich mit uns in Bewegung. Wenn’s im Valle Gran Rey so doofes Wetter ist, orakelten wir während der Fahrt, könnte man ja mal nach Vallehermoso fahren: da regnet es eigentlich viel mehr – aber wer weiß??? Und so war es dann auch: Schon nach der 84. Kehre der kurvenreichen Strecke bot sich ein fabelhafter Blick ins schöne Tal – Vallehermoso begrüßte uns mit einem blauen Himmel und Sonnenschein!

Die Strände des Valle Gran Rey

Vor La PuntillaLeider erleben wir prinzipiell nie Sonnenaufgänge (Ausnahmen wie die während der Anreise aus dem Flugzeug heraus sind nicht freiwillig!). Als aber der Herr Morpheus uns aus seinen Armen entließ, stellten wir voller Freude fest: heute ist nicht nur Sonntag, heute ist ein Sonnentag! “Schon Klasse, wie schnell sich hier das Wetter ändert!” himmelte eine urlaubsbegeisterte Sylke dem Meer entgegen – nicht ahnend, wie recht sie mitttelfristig damit behalten sollte.

Das Schöne an nicht-deutschen Urlaubsaufenthalten ist die Unaufgeregtheit des Einkaufens. Selbst in den katholischsten Gegenden kann man sonntags den Grundbedarf an Frischem stillen. La Gomera kennt glücklicherweise keine großen Supermärkte – was dort supermercado heißt, ist eher ein Tante-Emma-Laden. Nachteil: superbillig ist da nichts. Vorteil: man wird noch wirklich bedient und kennt die Leute. Nach einem Jahr hatten sich unsere Verkäuferinnen/Kassiererinnen nicht geändert, die eine war immer noch jung und hübsch und muffelig (sie trägt immer den Gesichtsausdruck “eigentlich sollte ich ja ein Filmstar sein oder ein Glamour Girl oder wenigstens hier auf der Insel einen reichen Freund haben”), die andere nicht so jung, nicht so hübsch – aber dafür auch nicht ganz so eingebildet.

Die Zeiten ändern sich allerdings auch auf La Gomera, und so mussten wir etwas betrübt feststellen, dass der Bio-Bäcker und seine von uns so lieb gewonnenen Brötchen und Brote nicht mehr im Angebot waren. Was da jetzt lag, schmeckte auch, war auch irgendwie Vollkorn – aber eben nicht mehr ganz so gut. Das Haus in El Guro, das vor einem Jahr noch mit dem Bäcker-Yin-Yang verziert war, hatte eine nackschte weiße Wand: er wird also wohl fort sein – schade. Ansonsten eigentlich alles wie gehabt: Butter teuer (2.05 Euro), Milch nur in der nicht-frische-haltbar-Variante, Käse, Obst, Chorizo und Weinangebot ok.
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Wenn einer eine Reise tut…

Die dümmste Erfindung der Tourismus-Industrie ist, Flieger um sechs Uhr morgens in den Urlaub starten zu lassen. Denn in Zeiten paranoier Sicherheits-Check-Ins, in denen in jeder Zahnpastatube Sprengstoff und in jedem Haarspray weiß-Bin-Laden-was vermutet wird, muss man mindestens eine Stunde zuvor am Flughafen sein. Also um drei, halb vier aufstehen. Und das nennt sich dann erster Urlaubstag!

Um sechs Minuten nach sechs hätten wir theoretisch bereits sechs Minuten in der Luft sein können, aber der Kapitän des Flugzeugs erklärt gerade sehr nett und informativ, dass es so genannte “slots” gibt, in denen man losfliegen kann, wenn denn bis zum Ziel alles rechnerisch und theoretisch glatt geht. Der Himmel über Zürich, so der Kapitän, hänge aber offensichtlich so voller Flieger, dass zu unser berechneten Zürichüberfliegzeit nichts mehr geht, weswegen unsereins eben warten müsse, bis auf dem Weg nach Teneriffa Süd über Zürich noch Platz für den Dresdner Flieger sei. Voraussichtliche Abfahrtzeit zur Startbahn: Sechs Uhr einundzwanzig.

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Besuch auf dem Dresdner Striezelmarkt

Herrnhuter Sterne Eigentlich müsste man ja nachdenklich werden, wenn eine Stadt damit wirbt, dass ihr Weihnachtsmarkt der älteste der Stadt, des Landes, des Universums und überhaupt sei. Aber die Leute lesen das und finden es supertoll, so dass Jahr für Jahr vor allem am Wochenende Unmengen von Touris sich durch die Stadt und über den Striezelmarkt schleppen – 2005 laut Wikipedia 2,5 Millionen Menschen. Wer in Dresden wohnt, muss da nicht unbedingt hin, oder besser doch wenigstens einmal, um dabei gewesen zu sein. Heute war ich dran.

Der 573. Strizelmarkt hat eine neue Heimat, weil auf oder besser unter der alten gebuddelt wird: Eine Tiefgarage auf dem Altmarkt entsteht, der Striezelmarkt geht. Nun findet er auf dem Ferdinandsplatz statt, der nur Platz heißt, aber eigentlich eine Brache ist – aber wer bietet sich schon gern auf Ferdi’s Brache (natürlich mit Apostroph) an? Der Umzug bedeutet, dass die Standplätze aller Anbieter neu verwürfelt wurden. Man kann also nicht einfach schnurstracks zu seinem Lieblingsglühweinstand laufen, sondern muss ihn suchen (Glühwein vom Winzer an der Ecke bei den Tannen unweit der Pyramide, falls wir uns da mal verabreden wollen). Den hatte ich schnell gefunden, aber wo ist der Stand mit den Herrnhuter Sternen? Ich brauchte einen neuen und bin Gang für Gang abgelaufen, ohne ihn zu sehen (nein, das lag nicht am Glühwein).

Die 254 Stände des Striezelmarktes sind eine bunte Mischung aus den üblichen Verdächtigen futtern, glühweinen, handwerkeln, dem Kitsch fröhnen und Mützen kaufen. Die Anbieter heißen laut der Ausschilderung an den Buden Maronen, Kastanien, Bratwurst und Terrine (“heiße Maronen!”, “heiße Kastanien”, “heiße Bratwurst!”, “heiße Terrine!”). Sie sind sehr beliebt und hart umkämpft. Die anderen Stände sind leer, aber die Verkäufer(innnen) haben ja ein Handy und schwatzen mit der Außenwelt.

Die größte Gemeinheit ist der Stand mit dem Knoblauchbrot, denn das riecht im Umkreis von einigen Metern dermaßen gut, dass man es gleich kaufen möchte. Ob es schmeckt, weiß ich nicht, denn ich suchte ja die Herrnhuter Sterne. Zweimal hätte ich sie beinahe gefunden, aber das waren nur Nippesnachbauten aus dem fernen Osten, wo doch jeder weiß, dass Herrnhut im ganz nahen Osten liegt – grob Richtung Görlitz, im Kreis Löbau-Zittau. Die habe ich natürlich verschmäht und bin einfach nochmal alle Reihen abgeklappert, wobei der kleine Stand zwischen der zweiten und der dritten Umrundung offensichtlich ganz schnell vorne in der Nähe des Eingangs aufgebaut worden ist, denn dann habe ich ihn gefunden und konnte das Bild machen sowie einen Stern käuflich erwerben…

Anmerkungen zu Allem. Von Ulrich van Stipriaan.