Kategorie-Archiv: Urlaubs-ABC

Urlaubs-ABC: G wie Görlitzer Gourmet-Geheimnisse

BrunchDie Diskussion, wann ein Essen nicht nur lecker sei, sondern auch das Etikett “Feinschmecker schlecken sich das Maul” bekommt, ist nicht enden wollend und wird immer wieder gerne gestartet. Sie ist fruchtbar und sinnlos zugleich und lässt sich am ehesten mit der Antwort auf die Frage vergleichen, wann etwas Kunst sei: Die einen sagen es so, die anderen…
In Görlitz pflegt Axel Krüger mit seinem Team vom Lucie Schulte einen unkomplizierten Küchenstil, der Feinschmeckern entgegen kommt und Görlitz auch für Leckermäuler als Reiseziel in Frage kommen lässt (es gibt freilich auch für Essmuffel genug andere Gründe…). Krügers neueste Idee: Kochen wie zu Großmutters Zeiten, nur besser! Lucie Schulte, der Restaurantname, geht ja auf eine alte schlesische Dame zurück – warum also nicht sich an “Schlesischer Moderne” versuchen? Ein Spaziergang durch Görlitz mit Blicken auf die diversen Speisekarten kann da nur eine Ermutigung sein – das liest sich ganz oft alles sehr altbacken und unlecker.
Das muss aber doch nicht sein! Als Grenzgänger experimentiert Axel Krüger einmal mehr und schafft zusammen mit dem Kunstsammler und Hobbykoch Hans-Peter Reisse sowie der Kunsthistorikerin Babette Küster Neues aus Altem. Wem das Angebot mit “Verlorenem Ei im Schlamm” oder “Entenbrust auf Brennnesseln” spanisch vorkommt und nicht schlesisch, der (oder die) reagiert ansatzweise ja schon mal richtig. Wer dann überrascht ist, was da wirklich auf den Tisch kommt und dass das sogar noch schmeckt, ist bei Lucie Schulte goldrichtig. Das Spiel mit dem leichten Verfremden von Bekanntem spielt man dort gerne, und meist ist es nicht zum Schaden der Gäste.
Wir haben die Lucie schon einmal gelobt und reisen auch nach den jüngsten schlesischen Versuchen auch wegen ihr öfter mal nach Görlitz…

PS: Görlitz-Bilder gibt’s natürlich auch…

Urlaubs-ABC: A wie Altmockritzens Anteil am Weltgeschehen

Baschkir und KosakAltmockritz im Süden Dresdens ist ein beschauliches schönes altes Dorf, dem man seine Teilhabe am Weltgeschehen bislang nicht so recht anmerkte. Das ist nun vorbei, denn auf Betreiben des Baschkiren Irek F. Baischew gibt es auf dem Dorfplatz einen Findling mit Gedenkplakette, auf der der Schlacht bei Dresden 1813 gedacht wird. Und dem baschkirischen Volk, dessen Söhne im russischen Heer auf der richtigen Seite, wie man heute sagen würde, kämpften: Als Befreier waren sie gegen Napoleon (und damit seinerzeit auch gegen die Sachsen; wenn man das heute nicht mehr schlimm findet, nennt man das Völkerverständigung).
Am 26. August 1813 war scheußliches Wetter in Dresden – es kippte wie aus Eimern. Kein schönes Wetter für eine Schlacht – aber auf so etwas konnten Napoleon, seine Verbündeten und seine Gegner keine Rücksicht nehmen. Heute schien die Sonne, als endlich dem tapferen baschkirischen Volk in Altmockritz ein Ehrenstein gewidmet wurde.
Ach ja: Damals gewann Napoleon, es war sein letzter Sieg auf deutschem Boden – weswegen er sich sicher, wenn überhaupt, lieber an Altmockritz bei Dresden als an Leipzig erinnerte…
Heute nun rückte der Altmockritzer Dorfplatz endlich mitten ins Weltgeschehen ein. Ein Vertreter des Dresdner Kulturbürgermeisters, die russische Konsulin und der Stifter, ein leibhaftiger Baschkire, redeten, es gab Blumen auf dem Denkmal und Wodka, Bier und Sekt nach der Zeremonie. Schlauer wurde man auch: Die Baschkiren seien damals auf Pferden geritten, sie hätten immer diese tollen Fellmützen auf, die oben spitz zulaufen und bei Hitze nicht wirklich praktisch sind. Außerdem sei ihnen damals der Ruf vorausgeeilt, am liebsten Kinderfleisch zu essen, was nicht stimmte. Eigentlich seien die Baschkiren sogar eher nette Leute, meinte der Baschkire, denn immerhin hätten sie sogar Frau und Kind mitgenommen in den Krieg im fernen Westen. Bewaffnet waren die Baschkiren mit Pfeil und Bogen, was man auf der Plakette des Gedenksteins gut erkennen kann. Wer seinen Goethe kennt, dessen Geburtstag ja direkt nach dem Schlachtgedenken auf uns zukommt, weiß das natürlich schon: Angeblich hat er einmal so einen Pfeil nebst Bogen geschenkt bekommen und für so gut befunden, dass er ihn im heimischen Garten ausprobiert hat. Geschrieben haben soll er auch darüber, aber ich habe die Stelle nicht gefunden :-(

Urlaubs-ABC: P wie Pappel

Babisnauer PappelDie Babisnauer Pappel im Süden Dresdens hat schon einige Jahre auf dem Buckel: Sie wurde 1808 vom genervten Gutsbesitzer Johann Gottlieb Becke als Grenzmarkierung zwischen der Babisnauer und Golberoder Flur auf dem Zughügel (329 m ü. NN) gepflanzt, weil ihm Nachbarn zur Flurbereinigung immer den Grenzstein verrückten. Danach wuchs und gedieh die Schwarzpappel, die seit 1937 unter Schutz steht. Das sollten einen Gewittersturm 1967 nicht hindern, den Baum rund ein Drittel zu kappen, aber die alte Pappel lebt weiter. In diesem Jahr bekam sie sogar ein Kind: eine junge frische Schwarzpappel steht (nach meinem Geschmack zu nahe) neben dem rund 20 Meter hohen alten Baum, der immerhin schon einen Stammumfang von fünf Metern hat. Ein Schild an diesem jungen zarten Bäumlein weist darauf hin, dass die Schwarzpappel 2006 Baum des Jahres ist – good to know ;-)

1887 wurde neben der Pappel eine Wettin-Eiche gepflanzt, in den folgenden neun Jahren folgten drei weitere Eichen.
Alle mir bekannten Internet-Quellen, die darüber schreiben, behaupten: “Jedoch gediehen alle gepflanzten Eichen auf diesem Grundstück nicht und starben ab.”
Naja, sagen wir so: Wenn man vor Ort ist, steht man neben einem Baum, der Eicheln trägt und auch sonst aussieht wie eine veritable alte Eiche – die Leute sollten weniger voneinander abschreiben und mal vor Ort nachsehen…

Urlaubs-ABC: V wie Vergangenheit

“Welche Schande! Nur ungern gebe ich zu, dass dies Bild, nein, dies naturgewaltige Gemälde mich zwar entsetzt, aber zugleich ergriffen hat. Ein Wille ging von ihm aus, dem zu folgen geboten schien. Diesem erhaben fortschreitenden Verhängnis war nichts in den Weg gestellt. Eine Flut, die mitriss. Und der von unten allseits aufsteigende Jubel hätte womöglich auch mir – und sei es versuchsweise – ein zustimmendes “Sieg Heil!” entlockt, wenn nicht Max Liebermann jenen Satz beigesteuert hätte, der später überall in der Stadt als geflüsterte Parole in Umlauf blieb. Sich von dem geschichtsträchtigen Bild wie von einem firnisglänzenden Hiostorienschinken abwendend, berlinerte er: “Ick kann janich soviel fressen, wie ick kotzen möcht.”"

Günter Grass, Mein Jahrhundert. Text aus dem Kapitel “1933″. Bild von einer Lesung mit Günter Grass und dem Dresdner Trommel-Percussion-Genie Günter “Baby” Sommer.

Urlaubs-ABC: E wie Element of Crime

Sven RegenerDie Musik von Element of Crime höre ich seit Jahren, die Bücher von Sven Regener, dem Kopf der Band, habe ich mir von ihm mit großem Vergnügen (auf meiner Seite, er kam ja vom iPod) vorlesen lassen: Neue Vahr Süd und Herr Lehmann, audible.de sei Dank. Aber wie die Jungs aussehen, war mir nicht klar bis heute – weil ich sie nie live gesehen hatte.
Nun hatte mir Sylke den Wunsch quasi vom Auge abgelesen, die Band einmal live zu erleben. Für sie nichts Neues – sie war schon mehrfach dabei, weil sie (wie offensichtlich alle Mädels beim Konzert, wenn ich die Augen-Blicke richtig interpretiere) den Sven liebt. Ich, ähm…, liebe ihn auch, weil er so schöne Texte schreibt und dazu sinnliche Musik. Es musste also eigentlich ein schöner Abend werden…
…der ursprünglich für die Junge Garde geplant war. So stand’s auf den Karten, die ich zum Geburtstag (nicht mehr gratulieren, ist länger her!) bekommen hatte. Der Ort wurde, wie die Band schreibt, verlegt in den Alten Schlachthof, was ein zwar regensicherer Ort ist, aber eben auch einer, wo es nicht auffällt, wenn nicht gar so viel tausende Fans kommen.
Wir standen in Reihe eins. Vier Menschen links von mir, so kann das Leben spielen, stand ein Schulfreund von anno dunnemal aus Münster – wir hatten uns schon einmal in Dresden gesehen, weswegen die Überraschung sich in Grenzen hielt. Das Konzert begann mit einer bedeutenden Vorgruppe namens “Home Of The Lame”, deren Stil zwischen Coldplay und R.E.M. changierte. Interessant war der Sänger, der sich ein Hemd durchschwitzte oder aber eine geniale Erfindung zum künstlichen Nässen von Hemden zur Betörung des Publikums gemacht hat, von der ich nichts weiß.
Dann kam Element of Crime: Vier sehr unterschiedliche Männer schlurften auf die Bühne.
Sven Regener. Schwiegermutters Liebling, weil er immer so spitzbübisch lächelt wie ein Lausbub und brav nach jedem Titel Vielen Dank sagt. Er singt, er gitarret, er trompetet, er steht (auch wörtlich) im Mittelpunkt.
Jakob Ilja spielt die Gitarre. Er ist ein eher langer schlacksiger, und wenn er eins seiner bezaubernden Soli hinlegt, wackelt er oben mit dem Kopf und in der Mitte mit dem Bauch – so als ob er eine Marionette wär’.
David Young ist der Bassist und als solcher dem Ruf der Gilde verpflichtet, eher eine Festung auf der Bühne zu sein. Hat er sich überhaupt bewegt? Zeigte er Regung? Unter uns Pastorentöchtern: Ja, wenn das Licht aus war, trank er Wasser. Und nach der dritten Zugabe kam er mit ner Fluppe raus. Ansonsten stand er stoisch da wie es Bassisten gerne tun.
Richard Pappik am Schlagzeug und einmal mit der Mundharmonika saß leider fast immer hinter dem Sven, nur manchmal sah ich ihn durch die Beine des Chefs hindurch. Aber er war gut!
Ansonsten war es ein wunderbares Konzert, voller Herz- und Weltschmerz, mit mitsingenden Mädels in Reihe eins und zwei und überhaupt guter Stimmung. Und weil es draußen nieselte, ging auch die Verlegung in den Schlachthof klar…

Urlaubs-ABC: P wie Plattbodenschiff

PlattbodenschiffDas Schiff sieht aus wie man sich so eins von Piraten vorstelllt – was wohl auch gewollt ist, auch wenn die Betreiber mit dem knappen Namen „Bernsteinpromenadenbetriebsgesellschaft“ sicher nicht als Piraten der Neuzeit gelten wollen. Der Segler ist 26 Meter lang (und hat damit das gleiche Maß wie der Pegelturm, nur dass er es in der Höhe ausweist), hat 24 m hohe Masten und wurde 1890 in Groningen (Niederlande) gebaut – was eventuell dazu führen könnte, dass es einer meiner Vorfahren gebaut oder die MS Gorn gefahren hat, denn die kommen aus der Gegend ;-)
Es ist ein Plattbodenschiff, das für Fahrten auf dem Wattenmeer gebaut wurde. 1972 brannte es aus, wurde danach im Stil einer holländischen Staatsyacht des 18. Jahrhunderts restauriert. Auch im Juni dieses Jahre war Staat dabei – Sachsen Anhalts Wirtschaftsminister Dr. Reiner Haseloff taufte das Schiff auf den Namen „MS Reudnitz“ – ein sehr dezenter Hinweis auf den Sponsor.

Urlaubs-ABC: S wie Soooo…

Die Kellnerin, mit Bier und Brezeln gut beladen, war noch nicht zu sehen – aber zu hören. Ihren Anflug signalisierte sie mit einem dreigestrichenen „soooooooouuuu“, das zwischen drittem und viertem „o“ in der Höhe anstieg und mit dem angesteuerten „u“ deutlich absank.
Das „soooooooouuuu“ war ihr Schicksal, denn wann immer Sylke und ich es hörten, mussten wir losprusten. Zwischendurch aber war ernsthaft Zeit zum Nachdenken: Wie soll sich denn eine Servierkraft bemerkbar machen? Ist nicht jeder Versuch einer individuellen Annäherung beim Überreichen von Speis und Trank ein Krampf? Oder ist das „soooooooouuuu“ etwa die subtile Rache für ein locker hingerufenes „Frollein“ oder ein barsches „Hallo!!!“?

Urlaubs-ABC: B wie Bitterfeld

Badespaß im BernsteinseeZum Baden nach Bitterfeld – das hätte man mir mal vor ein paar Jahren sagen sollen! Doch das Zentrum des chemischen Gestanks, die Wiege des Bitterfelder Weges, der absolut untouristischste Ort der DDR hat sich gewandelt. Zumindest teilweise, denn wenn man am Goitzscher Seengebiet liegt und in die jahreszeitlich, nicht chemisch bedingt warmen Fluten des Bernsteinsees läuft, kommt absolutes Urlaubsfeeling auf:
Die Blonde mit den langen Beinen und dem knappen Bikini, die sich gekonnt und beinahe lasziv im gelben Sand räkelt…
Die Kinder, die mit Eimer und Schippchen Wasser vom See in Handtuchnähe schleppen, um dann in Muttis Nähe ein wenig zu mantschen…
Der Waschbrettbauch mit dem ehrenamtlichen Bademeister drumrum, der als einziger ungestraft durchs Fernglas gucken darf – alle anderen werden dafür misstrauisch beäugt…
Die Angeber der Familie Neureich, die mit ihren viel zu kleinen Motorbooten viel zu laut direkt vor dem für Schwimmer abgezirkelten Bereich ihre Kreise ziehen und damit wenigstens dem ruhigen See ein wenig Seegang verschaffen…
Das Piratenschiff, das wahrscheinlich nur deswegen grün ist, weil der Sponsor das toll findet, das aber majestätisch seine Bahn über den See zieht und so den Fotografen immer mal wieder ein tolles Motiv beschert…
Es begab sich aber zu der Zeit unseres Aufenthaltes am Bitterfelder Badesee, dass nicht alles eitel Freud’ war. Zum Beispiel feierten die Bitterfelder ihr Hafenfest. Solche Volksfeste – da haben die DDR-Bürger in Sachen Kapitalismus zu Schulzeiten ihre Lektion gelernt – bedeuten immer Abzocke vom Feinsten. Erst mal zahlt man Eintritt, um überhaupt teilhaben zu dürfen am umfangreichen Programm,  das ürigens oft so ist, dass es dafür (Schmerzens-)Geld heraus geben müsste. Zuvor allerdings zahlt man Parkplatzgebühr. Auch wenn es auf Plätzen ist, die gar nicht dafür gedacht sind. Dem Hotel “Villa am Bernsteinsee” sind zwei Übernachtungen und ein mehrgängiges Menü für zwei Personen entgangen, weil so ein Hafensfestengagierter meinte, uns zwei Euro Parkplatzgebühr abknüpfen zu müssen. “Wir wollen aber doch nur zum Hotel!” – “Das macht nichts, heute zahlen Sie hier trotzdem!” Nicht, dass wir die zwei Euro nicht mehr gehabt hätten -“ aber so einfach öffentlichen Parkraum und die Zufahrt zu einem Hotel verprivatisieren, das war uns dann nichts…
Abzocke in Bitterfeld auch an einem anderen Strand, der künstlich aufgeschüttet und mit einem netten Schild zum Bezahlstrand gemacht wurde. Links der Straße erst mal Parkgebühren zahlen (und – welch Unsinn nicht nur in Bitterfeld – vorher wissen, wie lange man bleiben wird) und rechts der Straße dann Strandgebühren blechen. Bewacht ist der Strand übrigens an dieser Stelle nicht, an anderer, wo es nichts kostet, ehrenamtlich. Verkehrte Welt!
Zu den bemerkenswerten Erfahrungen in der Stadt gehört auch, dass ein anderes Hotel damit wirbt, am Ufer des Bernsteinsees zu liegen. Der Zusatz (400 m) befreit zwar vor dem Vorwurf des Betrugs, aber wenn man mitten im Wohngebiet liegt und den See von dort nicht einmal ahnt, ist das schon arg irreführend.
Die Folge all dessen? Keine ausführliche Bitterfelder-Weg-Beschreibung, sondern nur eine Stipvisite. Und dafür ein Besuch in Wörlitz…

Urlaubs-ABC: W wie Welterbe

Elbe bei Dresden.“Es bedeutet immer wieder einen Spagat, einerseits die Tradition zu pflegen und andererseits die Moderne zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dies gilt besonders für die mehr als 300 historischen Städte auf der Welterbeliste. … Jede Stadt, jedes Land sollte sich bewusst sein, was es bedeutet, für die Welterbeliste vorgeschlagen zu werden. Jeder Einwohner, jeder Investor, jeder Beamte in der Verwaltung sollte schon bei der Nominierung Bescheid wissen: Mit der Anerkennung wird auch eine Verpflichtung verbunden sein – im Falle Kölns oder Dresdens nicht nur für die eigene Stadt oder für Deutschland, sondern für die ganze Welt.”
Mechthild Rösler heute in der Süddeutschen Zeitung. Sie ist Europa- und Noramerikachefin im Welterbezentrum der Unesco in Paris. Anlass des Artikels ist die geplante Waldschlösschenbrücke, die an dieser Stelle der Aufnahme geplant ist und zur Aberkennung des Titels führen könnte.