Kategorie-Archiv: Urlaub A-Z

F – wie Fürst Pückler Park

Selbstverständlich muss der Mann, wie wir heute despektierlich sagen würden, einen Hau gehabt haben. Aber mal ganz ehrlich: Sind es nicht immer die Verrückten, die die Welt verändern und voran bringen? Normalos werden (nochmals pardon, und Sie sind natürlich die Ausnahme, werter Leser!) lieber Beamter.
Hermann Fürst von Pückler-Muskau war kein Beamter, sondern ein Exzentriker und ein Genie. Pückler lebte 1785 bis 1871 und wurde vor nicht allzu langer Zeit trefflich in der Zeitschrift GEO portraitiert.
Bad Muskau liegt, normale Geografie-Kenntnisse unterstellt, am Ende der Welt. Wer es suchen will: Berlin, rechts nach Cottbus, runter nach Görlitz – zwischen den beiden Letztgenannten liegt Muskau an der Neiße. Hinterm Fluss beginnt Polen – und dort liegt der größte Teil des Gartens. Seit 1991 wächst hier wieder zusammen, was in Jahren sozialistischer Bruderlandfreundschaft zuwucherte: Die alte Idee des Landschaftsparks im englischen Stil, die Pückler mit enormem Elan und unter Verlust all seiner finanziellen Mittel (inklusive der seiner reichen Frau) realisiert hat, wird wieder – und es macht Spaß, dem zuzusehen.

“Gebäude sollten nie ganz frei gezeigt werden, sonst wirken sie wie Flecken, und stehen als Fremdlinge, mit der Natur nicht verwachsen da. Das halb Verdeckte ist ohnehin jeder Schönheit vorteilhaft, und es bleibt in diesem Gebiete immer der Phantasie noch etwas zu errathen übrig. … Gebäude sollen mit ihrer Umgebung in sinniger Berührung stehen.” Schrieb Pückler 1834, und er hatte Recht! Auch sonst sind die Notizen und Gedanken Pücklers keineswegs veraltet, sondern immer noch lesenswert, auch wenn die alterthümliche Sprache uns fremdelt. Und viele seiner Anmerkungen sind zwar für den Gartenbau gedacht, aber auch sonst nicht ohne Nutz und Frommen: “Die große Kunst und Schwierigkeit bei Anlegung eines Parks ist aber, (…), verhältnismäßig wenig Dinge so zu benutzen, dass sie viele und ganz verschiedene Bilder geben.”
Die Pücklerschen Landschaftsgärten sind bis ins Detail geplant, nichts ist dem Zufall überlassen – und doch wirkt das Zusammenspiel von Wasserläufen, Seen, Wegen und Anhöhen wie aus einem Guss gewachsen. Über 800.000 Bäume und reichlich 42.000 Sträucher machen den Park, der in nur drei Jahren entstand, zum größten Europas im 19. Jahrhundert.
Seit 2004 gehört der Fürst-Pückler-Park zum Weltkulturerbe.
[auch bei den STIPvisiten]

G – wie Görlitz

GörlitzGörlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands – und eine Stadt, die wie kaum eine andere im Wandel ist. Aus mausgrauen herunter gekommenen Häusern werden wieder ansehnliche Schmuckstücke – allerdings oft für den hohen Preis, dass sich kein Mensch das leisten kann oder will. Deshalb gibt es eine Menge Leerstand in Görlitz.
Die Stadt hatte, wie viele andere, schon einmal sehr viel bessere Zeiten gesehen. Die allerbesten sind schon sehr lange her, und weil sie so lange her sind, sieht man sie auch mit dem üblichen Quentchen Verklärung. Am nettesten ist diese zu ertragen, wenn tout Görtlitz Theater spielt: Dann ist der Untermarkt eine Freilichtbühne mit wahrlich großer Kulisse, was schon sehr schön ist. Noch schöner allerdings ist es, wenn die Statisten und Schauspieler(innen) der Massenszenen den Markt verlassen und durch die Stadt bummeln. Mein Lieblingsbild ist das einer Nonne, die – Cola in der einen, Zigarette in der anderen Hand – sich angeregt mit einer anderen auf einer Bank außerhalb des Marktes unterhält.
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Z – wie Zschertnitz

ZschertnitzViele Flurnamen in Dresden und Umgebung sind auf den ersten Blick Zungenbrecher: Zschertnitz gehört dazu. Dabei ist es doch ganz einfach: Ganz große Schummelanten lassen das Z ganz weg, wer etwas korrekter sein will, schlägt ein T vor dem sch an. Die Übung kann man dann auch auf den Flughafen ausweiten: Klotzsche mit tzsch!
Zschertnitz also: Das sind einige der Hochhäuser, die den Süden der Stadt beglücken. Das alte Dorf – dessen Ursprünge 700 Jahre zurück reichen – wurde 1973/74 vollständig abgebrochen. Groß muss es nicht gewesen sein, denn an seiner Stelle entstanden sechs Wohnhochhäuser. Bis zu 17 Stock hohe Plattenbauten galten in der damaligen Zeit als das Nonplusultra modernen Wohnungsbaus.
Wenn man schon mal in Zschertnitz ist, kann ein wenig Bildung nicht schaden. Zum Beispiel lernt man hier sehr schön, wie früher ganze Dörfer verscherbelt wurden, mit Haus und Hof und Mann und Maus. 1348 gehörte es den Söhnen des Dresdner Bürgers Nycolai de Jochgrimm, ab 1408 der wohlhabenden Familie Münzmeister (nach der heute noch die bergauf führende Straße benannt ist), seit 1568 Kurfürst August. Der siedelte vier Bauern und vier Gärtner an, wodurch sich Zschertnitz zum Bauerndorf mit mehreren Gütern und insgesamt 74 Hektar Fläche entwickelte. Am 1. Juli 1902 wurde Zschertnitz nach Dresden eingemeindet, seit 1904 ist es ans Straßenbahnnetz angeschlossen.
Eine eigene Geschichte ist die des Paradiesgartens. Das war ein Tanz- und Ballhaus, hervorgegangen aus dem früheren Dorfgasthof. Bis 1945 gehörte es zu den beliebtesten Dresdner Vergnügungslokalen – heute ist der Paradiesgarten ein nicht ganz so paradiesisch anmutendes Einkaufszentrum, bei dem man sich allenfalls über den blumigen Namen wundert…

N – wie Nationalfeiertag

Heute ist Nationalfeiertag bei den Schweizern. 1891 wurde er eingeführt – mithin genau 600 Jahre nach jenem legendären 1. August 1291, an dem Vertreter der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli mit dem Schwur quasi die Schweiz gründeten: “Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern – in keiner Not uns trennen noch Gefahr – wir wollen frei sein wie die Väter waren, eher den Tod als in der Knechtschaft leben – wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen!”
Gestern feierten Vertreter des Kantons Bern in Dresden in ihren Nationalfeiertag hinein: tagsüber mit einem Fest, abends mit dem Film “Das Wunder von Bern“. Kostenlos für die Besucher, und mit Alphorn vorweg sowie danach mit bengalischem Feuerwerk um Mitternacht…

T – wie Treppengeländer

Über die Meisterhäuser in Dessau habe ich zwar schon geschrieben – aber das Bildmaterial dieses nur einstündigen Besuchs verlangt nach mehr. Was macht die Optik so ansprechend? Die Klarheit der Linien, die spannenden Farbkombinationen (besonders in den Häusern von Klee und Kandinsky, natürlich) – und ein wenig auch die Freude, dass das gradlinige offensichtlich zeitlos ist. Was hier vor achtzig Jahren entstand, ist immer noch richtungsweisend.

R – wie Rabbi Hoppe

“Rolf Hoppe als Rabbiner war eine späte, aber wirkliche Entdeckung. Erstaunlich, wie er das Gefühl dafür entwickelte, wie ein Rabbiner ist. Er fand eine ähnliche Art der Argumentation und Sentimentalität im Ausdruck, so dass der Schauspieler allmählich mit der Figur verschmolz. Meine ursprüngliche Scheu, diesen Film mit nicht jüdischen Schauspielern zu drehen, hat sich dadurch erledigt. Es war faszinierend, diesen Schauspielern täglich zuzuschauen, und es war ein Geschenk mit ihnen zu arbeiten. Das hat mich wieder darin bestätigt, wie schön das Medium Film ist. Es kann reine Fiktion sein und trotzdem eine authentische Stimmung verbreiten, weil die Erfindung mit voller Leidenschaft und voller Kraft vorangetrieben wird. Das ist das Ermutigende.” Sagt Dani Levy, Regisseur und Drehbuchautor von “Alles auf Zucker” im Interview. Gestern war er in Dresden und sah “in diese rund 8.000 Augen”, die sich nun den Film ansehen wollten – bei den Filmnächten am Elbufer, die neben dem Film auch immer wieder grandiose Kulisse bieten (“und die seh’ ich mir an – den Film kenn’ ich ja schon!”).
Petrus hatte weitgehend ein Einsehen und schickte das große Gewitter erst nach Mitternacht. Da war der Film vorbei, und wer nicht gebummeltg hatte, sogar schon wieder zu Hause :-)

A – wie Abgegessen

Einhart Grotegut ist Künstler (und Architekt und Ausstellungsgestalter und, damit keine Missverständnisse auftauchen, auch Freund) und als solcher immer wieder für eine Ãœberraschung gut. Beim jüngsten Atelierbesuch erzählte er, wie er – den alle auch als Sammler alter Bestecke kennen – mal wieder einen Haufen rostigen Bestecks aus dem Biedermeier überreicht bekam. Was tun? Entrosten, putzen, katalogisieren? Nix da: Das Wetter war gerade so, dass dem Herrn G. nach einer Installation war. Und erfand “Abgegessen” – eine Maschine, die fasziniert. Alte rostige Gabeln und Messer sind mit Drähten verbunden und hängen – wie in einem Mobile, nur viel verzwickter – in einem Rahmen. Unten im Sockel, der mit alten (bezahlten, man will ja nichts falsch machen…) Rechnungen verkleidet ist, versteckt sich ein Motor, und sein Antrieb setzt mit unglaublichem Kratzen und Quietschen dieses Werk in Bewegung. Man möchte wegrennen wegen des Gänsehautsounds – aber man bleibt, fasziniert vom Miteinander und den Bewegungen der Bestecke. Wenn’s das auch in leise gäbe, wüsste ich ein tolles Weihnachtsgeschenk…

B – wie Bauhaus

Die Meisterhäuser in Dessau (montags geschlossen…) sind die 1999 bis 2002 restaurierten) Zeitzeugen des Bauhaus-Stils: Häuser, die nach Plänen von Walter Gropius in den Jahren 1925/26 für Gropius selbst sowie Kandinsky, Klee, Feininger, Muche und Schlemmer entstanden. Von den drei Doppelhaushälften und der Einzelvilla von Walter Gropius sind die Wohngebäude von Gropius und Moholy-Nagy (Doppelhaushälfte zum Haus Feininger) im Krieg zerstört – sie fehlen (noch) im Ensemble der Meisterhäuser, das 1996 zusammen mit dem Bauhausgebäude in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
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M – wie Montags geschlossen

Montag wollten wir Einsteins Sommerhaus in Caputh besuchen. Doch – wir hätten es wissen müssen! – montags ist es geschlossen. Dienstags und mittwochs und freitags auch. So ist das im Einstein-Jahr: Alles ist relativ. Relativ oft zu. Der Japanische Bonsai-Garten, der sich auf Hinweisschildern anpries und nur acht Kilometer entfernt in Ferch ist, hatte auch montags geschlossen. Und die Märkische Wildschweinbäckerei hat montags und dienstags geschlossen.
Und wer hatte geöffnet? Na klar, Petrus. Nach zwischenzeitlichem Einsehen und minutenweise blauem Himmel (gesehen in Potsdam) ließ er es badewannenweise herunter schütten.

P – wie Polen

Über den Begriff Heimat ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden, wobei Heimat immer dann unerträglich wird, wenn es tümelt. Schwer tun wir uns auch oft bei Leuten, wenn sie von ihrer Heimat reden, die seit dem Krieg nicht mehr zu Deutschland gehört. Das hat oft einen sehr unangenehmen Beigeschmack, vor allem wenn einseitig und besitzergreifend geredet wird.
Weil Birgits Vater bis 1945 dort lebte, fuhren wir mit ihm nach Polen, nach Trzciel/Tirschtiegel und Miedzyrzecz/Meseritz. Drei Generationen in einem Auto, drei von vier Reisenden erstmals in der Gegend. Auf dem Weg gibt es Informationen ohne Ende – obwohl doch der Informant bei Kriegsende erst zwölf war, wird er befragt wie eine nie versiegende Quelle. Und er antwortet wie ein nie versiegender Infoquell…
Die Grenze bei Frankfurt/Oder: Polen ist EG, es geht schnell. Deutsche und polnische Grenzer stehen zusammen, schauen nur kurz in die Persos und winken durch. Was sie noch lernen müssen ist Freundlichkeit: Weder bei der Ein- noch bei der Ausreise wurde der freundliche Gruß aus dem Wagen erwidert, ein “danke” oder “bitte” beim Personalausweiswechsel kannste sowieso vergessen… Das war bei der Einreise so, das war bei der Ausreise so.
Hinter der Grenze sieht es erst mal aus wie davor: Weite nur leicht hügelige Landschaft mit Getreide. Der erste augenfällige Unterschied: Die Polen gehen an diesem Sonntagvormittag (wie wohl auch an allen anderen) massenhaft in die Kirche. Sie gehen, sie fahren nicht – weswegen die Fußwege voll von sonntäglich gekleideten Familien sind.
Ansonsten sieht es in Polen gar nicht so polnisch aus, um ein beliebtes Vorurteil einmal zu strapazieren. Und unser Auto wurde auch nicht geklaut.