Die Geschichte von Chi Gomera

Das ist die Geschichte von Chi Gomera, einem Hund aus Chipude auf La Gomera. Er begleitete uns einen Tag bei der Wanderung zum Garajonay und zurück.

Und plötzlich stand er neben mir. Ein Hund, der eindeutig kein Dackel war, aber genau so einen Blick aufsetzte. Er begrüßte mich wie einen alten Bekannten – wedelte mit dem Schwanz, freute sich, scharwenzelte um meine Beine.
Das war an einem Dienstag im November, kurz vor elf Uhr vor der Bar La Candelara in Chipude auf La Gomera. Ich stand am Kofferraum unseres Leihwagens und zurrte den Rucksack zurecht – es sollte zum Garajonay gehen, den höchsten Berg der Insel. Zuvor noch ein Blick auf die Kirche des 800-Seelen-Dorfes, das immerhin eine der ältesten Ortschaften der Insel ist.

Die Iglesia Nuestra Señora de la Candelaria stammt aus dem 17. Jahrhundert. Mein neuer Freund ließ es sich nicht nehmen, mich zu begleiten, als ich ein Foto der Kirche machen wollte…

Während ich die Kirche fotografierte, ließ sich der Hund gleich neben mir nieder, sah abwechselnd hoch und damit mich an und in die Richtung, in die ich fotografierte…

Als wir loswanderten (beziehungsweise, um ehrlich zu sein: den Einstieg in die Wanderung suchten, da war der Wanderführer nämlich nicht sehr eindeutig), sah der Hund abwechselnd Sylke und mich an, als ob er “Bütteeee, nehmt mich mit!” sagen wollte. So interpretierten wir das, obwohl der Hund weder deutsch noch überhaupt eine menschliche Sprache redete – er guckte halt nur so.

“Du musst hier bleiben, wir wollen den ganzen Tag wandern!” sagten wir, und aus welchem Grund auch immer redeten wir langsam wie zu Kindern oder Fremden mit dem Hund.

Sylke wusste zu berichten, dass während eines Wanderurlaubs eigentlich immer irgend so ein Köter einem auf den Keks geht, aber der Hund bedeutete uns mit freundlichem Um-uns-herum-springen und netten Blicken, dass er kein Köter und überhaupt sehr lieb sei…

Wir hatten unseren Wanderweg dann doch recht schnell gefunden und ließen die Häuser des Dorfes hinter uns. Wen wir nicht zurück ließen, war der Hund. Er ließ sich einfach nicht abwimmeln und kam einfach mit, rannte mal ein wenig voraus und wartete dann auf uns, lief zwischen Sylke und mir hin und her, absolvierte mithin ein deutlich größeres Pensum als wir. Und das, obwohl er die deutlich kürzeren Beine hatte!

Es ist keine sehr anstrenge Wanderung rauf auf den Garajonay, denn zwischen Chipude und dem Gipfel des Berges sind nur rund 430 Höhenmeter mit sanftem Anstieg zu bewältigen. Dennoch machten wir uns Gedanken, ob der Hund auch genug zu trinken bekommen würde – und waren froh, die eine oder andere Wasserstelle zu finden!

Richtig begeistet waren wir, als uns eine Gruppe von Wanderfreunden aus dem Innsbrucker Land entgegen kam. Neben dem obligaten “Grüß Gott!”, gegen das nichts spricht, schnatterte eine Wandersfrau mehr in unsere Richtung als zum eigentlich Gesprächspartner: “Ach, der arme Hund! Man könnte ihn doch mal tragen!”

Ihr Gesichtsausdruck wird mir unvergessen bleiben, als ich darauf hin gezielt höflich antwortete: “Gerne, gnä’ Frau! Tragen Sie ihn gerne mit zurück nach Chipude!”

Irgendwo zwischen Abzweig zum Fortaleza und dem Beginn des Nationalparks, in dem der Garajonay liegt, waren wir der Meinung, dass “unser Hund” einen Namen braucht. Wir beschlossen, ihn “Chi Gomera” zu nennen, was durchaus beabsichtlich Klangähnlichkeiten zu Che Guevara hat. Ist doch unser Chi ein wahrer Rebell! Für Wortherkunftsherleiter: Chi kommt natürlich von Chipude, und Gomera muss ich ja sicher nicht erklären.

Zielsicher ging Chi übrigens den richtigen Weg, wir hatten den Eindruck, dass er nicht das erste Mal hier unterwegs war.

1487 Meter über dem Meeresspiegel: Der Gipfel des Garajonay. Und keine Bäume! Da verkriecht sich Chi doch mal gleich hinter Sylkes abgelegten Rucksack.
Wasser von anderen Touris lehnte er übrigens ab, was wir ihm hoch anrechneten – schließlich kann man es als Chi Gomera ja nicht mit jedem treiben!

Der Rückweg nach Chipude (ein anderer, denn es war eine echte Rundwanderung!) verlief sozusagen ohne besondere Vorkommnisse. Wir gingen in Chipude noch in die Bar, wo alles begann – und Chi kam natürlich mit rein, setzte sich unter unseren Tisch. Dann die Stunde der Wahrheit: Abschied! Da sitzt er nun, brav wie den ganzen Tag, und sieht uns hinterher. Wenn man bedenkt, dass weder Sylke noch ich Hundefreunde sind, muss man sagen: Es war schön, und Chi ist uns an diesem Tag ans Herz gewachsen. Wenn wir wieder mal von Chipude aus wandern, werden wir sicher einen Knochen mit im Gepäck haben. Man weiß ja nie…

Ein Gedanke zu „Die Geschichte von Chi Gomera“

  1. Sehr schöne Geschichte. Der Abschied bricht mir das Herz. Ich bin nämlich ein Hundefreund und hätte den Hund wahrscheinlich nicht mehr hergegeben. Lg anjo

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