Kategorie-Archiv: Italienisches Tagebuch

Italienisch einkaufen (2)

Ermutigt durch die guten Erfahrungen unseres ersten liparischen Fischeinkaufs wagten wir uns anderntags ein zweites Mal. "Heute gehen wir aber mal in einen richtigen Fischladen, so einen für die Hausfrauen und so!" schlug ich vor. Auich solche gab’s unweit der Wohnung, und so stapften wir los, um den morgendlichen panino-Kauf um pesce zu erweitern. Schwertfisch sollte es dieses Mal sein, und mutig bestellte ich due fetti de pesce spada. "Due?" fragte der Fischverkäufer, und wir nickten. Er drehte sich um, schnittt zweimal beherzt zu und präsentierte – Schwertfisch für eine Großfamilie. Sylke sah mich an, ich sah Sylke an, der pescivendolo sah abwechselnd uns und die Waage an. Wahrscheinlich hielt er uns für teutonische Vielfraße, obwohl wir doch beide eigens für den Urlaub und der Möglichkeit des am Strand gesehen werden abgenommen hatten. "Si, si…" sagte ich, und als wir nach Begleichen der üppigen (aber reellen) Rechnung für ein knappes Kilo Schwertfisch nahezu ohne Knochen den Laden verlassen hatten, schwor ich, demnächst noch besser italienisch zu lernen, um Verkäufern von Schwertfisch zweifelsfrei die Mittteilung zukommen zu lassen, dass wir pesce per due brauchen…

Sylke lachte und schlug vor, zwei Mahlzeiten draus zu machen: Eine für den Abend und die andere für den nächsten Tag, falls der Fisch dann noch frisch sei. "Sei man unbesoargt," beruhigte ich sie mit ostfriesisch-nordisch-seemännischem Akzent, "der ist morgen noch frischer als du ihn in Dresden beim Fischhändler hast!"

Und so war es dann auch: Am Abend des gleichen Tages teilten wir uns die eine Scheibe, am Mittag des folgenden Tages die zweite. Auch in Ferienwohnungen und mit wenigen Mitteln können die Geschmacksrichtungen ja variieren, weswegen es abends Rucula, Tomaten mit Kapern (die waren warm, weil in der Pfanne) und einen Salat dazu gab.

Die Mittagsvariante (Bild oben und hier) kam mit mit Zwiebeln, Knoblauch, Öl, Zitronensaft und der Äolischen Krätermischung aus, die wir im Vorratsschrank hatten. Das ist eine Urlaubs-Mehrzweck-Würzmischung, die mal kräuterig, mal scharf, mal knofelig schmeckt – je nachdem, was man aus dem Vorratsglas fitscht und ans Gericht gibt.

(Folge 1)

Italienisch einkaufen (1)

So ein Urlaub will ja ordentlich vorbereitet sein -. auch sprachlich. Also schnell noch einen Sprachkurs gekauft und auf den iPod geschmissen, so dass auf dem Weg zur Arbeit und beim Rückweg nach Hause das Hirn quasi subkutan mit Italienischem gefüttert wird.

In unserer Ferienwohnung auf Lipari war die Küche gut ausgesattet, der Platz auf der Dachterrasse himmlisch und das Angebot an Frischem in den Alimentari göttlich. Also beschlossen wir eines Morgens, Fisch zu kaufen. Morgens, weil die örtlichen Fischer ihre Ware dort frisch anboten und meistens schon am späten Vormittag ausverkauft waren.

Sylke empfahl "die beiden Läden am Ende des Hafens" – warum nicht? Wir also hin. Wir also da. Wir zögerten: Läden waren das nicht, eher, sagen wir: finstere Räume mit einer kleinen Tür davor und wiederum davor Männern, die fürchterlich viel und italienisch (was sonst?) palaverten. Gerade vor uns der machte einen den Umständen entsprechenden guten Eindruck, der links daneben einen besseren.

"Oder wollen wir doch lieber in die Stadt und dort…???" hub ich an, doch Sylke machte mir Mut: Ob wir nicht doch hier…???

Dottore Pescatore hatte uns bemerkt, kam und fragte (italienisch, wie sonst), was wir denn wollten und ob er uns helfen und überhaupt… Ich hatte natürlich alle Lektionen vergessen und antwortete fließend im kleinkindlichen Einwortsatz: "Tonno!" Er nickte, ging in die finstere Höhle, ganz tief, noch weiter – und kam dann mit einem kompletten Tunfisch zurück. Wir sahen uns etwas entsetzt an, ich fasste mich und deutete, mehr mit Händen als wohl geformten Worten (wie denn auch: ohne iPod im Ohr???), an: Zwei Tranchen, due fetti, per piacere…

Wir waren ziemlich verunsichert, ob das überhaupt möglich sein würde. Sah mehr aus wie ein Großhandel, dachte ich. "Sieht hier ja mehr aus wie ein Großhandel!", sagte Sylke. Dottore Pescatore übergab den tonno completo einem Kollegen, der ihn (den Fisch), haste-nicht-gesehen-wie-das-blut-spritzt, einen Kopf kürzer machte und uns lächelnd ansah, den kopflosen Tun vor der Brust. Ein englisch radebrechender dritter Mann tauchte auf und fragte, ob wir wirklich zwei Tranchen haben wollten. Er deutete auf die Mitte des Fisches, sagte: Könnten wir natürlich haben. Aber – er deutete auf die Seiten des Fisches – weitaus besser seien diese beiden Teile. Eigentlich würden sie die nie verkaufen, weil sie soooooo lecker seien.

Nun bilden wir beide uns ja bekanntlich ein, einiges vom Essen und Kochen zu verstehen – aber "diese beiden Teile" kannten wir nicht. Aber das uns sechs italienische Männeraugen ehrlich anstrahlten, nickten wir: si, si… Wir zahlten zehn Euro fürs Pfund Seitenlappen, brachten die Tüte in den heimischen Kühlschrank und gingen wandern…

"Es gibt," sinnierte Sylke, "zwei Möglichkeiten: Entweder die lachen sich jetzt ins Fäustchen, wie doof doch Touris sind, den Abfall zu nehmen – oder es ist in der Tat ein tolles Stück!" – Und dann, wenig später: "Aber warum sollten die uns übers Ohr hauen?" – Und dann, noch später: "Glaubst Du, dass das gut schmeckt?" – Und dann, später: "Was ist, wenn das nun nicht gut ist?" – Und dann, später, am Abend, nach dem tonno aus der Pfanne auf den Tisch des Hauses kam: "Der beste Tunfisch meines Lebens!"

(Fortsetzung)