Archiv für Januar 2008

Doña Efigenia

Sonntag, 06. Januar 2008

Doña Efigenia ist eine ganz besondere Frau. Sie ist die Chefin des Restaurants La Montaña in Las Hayas oberhalb des Valle Gran Rey, bequem fußläufig vom Strand aus in drei bis fünf Stunden zu erreichen (wenn man etwas trainiert ist). Mit dem etwas herben Charme ihres Restaurants und der eigenwilligen Küche hat sie sich einen Ruf erarbeitet: es gibt, im Prinzip, seit mehr als dreißig Jahren nur ein Menü: Salat mit Gofio und Mojo Roja, Eintopf, Kuchen zum Kaffee, Likörchen hintendrauf. Klingt komisch, ist auch so. Aber: es schmeckt! Der Salat ist immer eine sehr abenteuerliche Mischung aus Obst und Gemüse -  wir bekamen dieses Jahr Eisbergsalat mit Zwiebeln, Tomaten, einer Möhrenscheibe und Banane nebst etwas Melone. Dressing? Fehlanzeige. Denn den Salat isst man in Kombination mit Gofio, und das in Kombination mit Mojo Rojo. Gofio ist geröstetes Getreide (Gerste, Weizen, Mais), das mit Milch oder Brühe zu einem Pamp verrührt wird. Wie so oft bei einfachen traditionellen Gerichten: es schmeckt bei weitem besser als es klingt und aussieht! Mojo Rojo ist im Prinzip Paprika mit Olivenöl und gerne auch Knoblauch und Chilischoten, damit’s nicht so fad ist.

Nach einer anstrengenden Wanderung ist so ein Menü eine Köstlichkeit. Der dazu gereichte Wein ist herb und einfach wie das Essen, aber zusammen passt’s schon. Die Preise (2006 und 2007) sind ein Gedicht: das Essen inklusive Kaffe, Kuchen, Likör zehn Euro pro Person, der Wein vier Euro pro halbem Liter. Gratis dazu gibt es Doña Efigenia, die sich immer noch liebevoll einmischt und zwei hungrigen Wandersmännern einfach Gofio nachreicht, damit sie auch richtig satt werden. Und wenn kleine Kinder da sind, bringt sie ihnen schon mal eine Tüte mit Obst. Unsereins bekommt zum Abschied neben der Rechnung Bonbons -  gewöhnungsbedürftig, aber nett gemeint.

Ach ja: Zeit sollte man mitbringen. Denn wenn der Eintopf noch nicht fertig ist, geht gar nichts. Und manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass auch erst genügend Gäste da sein müssen, bevor überhaupt was losgeht. Wenn man aber Zeit hat, geht alles schnell genug!

Aufstieg im Tal des Großen Königs

Sonntag, 06. Januar 2008
Valle Gran Rey

Das Tal des Großen Königs ist nicht ohne Grund das beliebteste Ziel von Gomerabesuchern. In seiner Lieblichkeit ist es irgendwie unübertrefflich, die Zahl möglicher Wanderungen scheint unermesslich, die Ausblicke sind grandios und immer wieder neu. Angesichts solcher Superlative ist und bleibt es mir immer ein Rätsel, wie einige, an dieser Stelle muss ich sie mal so nennen: Wanderfreunde im D-Zug-Tempo die Landschaft durchpflügen. Sie hirschen starren Blicks an uns vorbei und genießen es sicherlich, als letzte losgegangen und als erste am Ziel zu sein. Das wird mir nie passieren, schon weil das nötige Quantum an Sportivem fehlt. Obendrein bleibe ich immer wieder mal stehen, um mich umzusehen – meist lohnt es sich der Blick zurück ohne Zorn, weil eben mit jedem erklommenen Höhenmeter sich das Tal neu präsentiert.

Es gibt viele Wege von den Orten an der Küste bis hoch auf die Berge (und mindestens ebenso viele wieder herunter). Wir wählten die Kombination eines zwei-Schluchten-Aufstiegs mit krönendem Abschluss bei Doña Efigenia und Rückfahrt als Tramp bei netten Mitnehmern.

Ein guter Ausgangspunkt der Wanderung ist die Kirche “Ermita de los Reyes” bei El Guro – der Weg bis dahin ist nämlich eher langweilig und führt durch vermülltes Gebiet. Der Wanderweg GR 132 verlässt zwar das Valle und schlägt sich quasi rechts in die Berge hinein – aber es gestattet herrliche Blicke in das Tal. Es geht immer hübsch bergan, von etwa 145 Metern Höhe bei El Guro bis zur Degollada del Cerrillal, die 658 Meter hoch ist. Die Kammhöhe ist ein idealer Rastplatz, meist ist man hier auch nicht allein: An der Weggabelung biegen etliche Mitwanderer rechts ab, um die Hochfläche von Las Pilas zu besuchen und von dort auf Vueltas und die Schweinebucht herunter zu gucken.

Wir aber wollten ja nicht zurück, sondern hoch: Links ab also, nun bereits im Barranco de Argaga, ist es grün und gemütlich. Warum wir nun erst mal wieder bergab wandern, um dann – nach der Überquerung eines Baches – wieder hoch zu tapern, bleibt unbeantwortet oder kriegt die lapidare Antwort: Das ist nun mal so. Nach dem Ab und Auf beginnt ein lustig-luftiger Abschnitt: Der Weg verläuft größtenteils in einem Wasserkanal, der für den Wassertransport zu verfallen ist, uns aber geduldig ertragen muss. Natürlich ist das nichts für meine schwachen nichtschwindelfreien Nerven. Aber bevor ich wieder loskrabbele, erfindet Sylke die seit Kindergartenzeiten beliebte Methode “Händchen halten”. Und siehe da: Sobald ich was zu fassen habe, fühle ich mich sicher(er) und zottele brav hinter Oberschwester Sylke hinterher. “Ist doch gar nicht schlümm!” sagt sie und hat sogar Recht.

So geht es also mäßig leicht weiter hoch bis zur Alm La Matanza, die für Postkartenbilder idyllisch liegt und sich heute auch noch mit einem latenten (weil nicht sehr ausgeprägten) Regenbogen schmückt. Beim Wort Regenbogen bzw. ursprünglich natürlich beim Erblicken eines solchen muss ich immer denken, dass das zwar schön aussieht, aber eben auch auf die Anwesenheit von Regen schließen lässt. Dieses Mal verzog der sich aber rechtzeitig, so dass wir trockenen Fußes die letzten Höhenmeter erklommen und im 1030 Meter hoch gelegenen El Cercado das verdiente Wanderbier einnehmen konnten. Der richtige Platz dafür ist die Bar Victoria direkt an der Straße im Dorfinnern. Es gibt colarote Plastikstühle und naturbelassene Baumstammhocker, die wir bevorzugten. Der junge Wirt ist ein netter und betrachtete voller Respekt unsere mitgeschleppte Kameraausrüstung. Gerne wären wir geblieben und hätten das Kaninchen probiert, das auf der Karte steht – aber wir wollten ja weiter zu Doña Efigenia.

Valle Gran Rey

Der Weg dahin führt uns, so ist das auf Gomera, erst mal rund hundert Meter hinab und dann fast genau so viele Meter wieder hoch (Las Hayas, wo sich das Restaurant La Montaña befindet, liegt 1000 Meter über dem Meeresspiegel). Aber der Weg ist absolut lohnend, weil man immer wieder ins Valle sieht, das in der spätnachmittäglichen Sonne bereits im Schatten der Berge liegt und daher sehr grafisch abstrakt wirkt. Das Meer ganz weit unten hingegen glitzert und bereitet sich auf den Sonnenuntergang vor. Und während das Meer vor sich hinglitzert, bereiten wir uns auf den Besuch bei Doña Efigenia vor…

Unterwegs im Osten

Sonntag, 06. Januar 2008

Das Wetter auf La Gomera spielt zumindest im November gerne verrückt. Man kann sich auf nichts verlassen – weder auf das, was am Vortag war noch auf das, was man morgens beim Blick aus dem Fenster sieht. Also war es gestern wunderbar und heute früh vielleicht auch beim Blick aufs Meer – und dann siehst du hoch in die Berge und denkst: hm, wo sind sie denn, die Berge? Denn du siehst nichts außer Nebel, Wolken, Grau.

Was da oft hilft, ist eine Fahrt hoch hinein in die Suppe, um dort mal zu sehen, wo es heller ist. Erfolg hat man meistens beim Blick Richtung Süden – doch da wandert’s sich nicht immer so nett (Ausnahmen bestätigen die Regel). Manchmal sieht’s auch im eigentlich typisch verregneten Norden gut aus, und manchmal treibt einen die Suche nach Sonne in den Osten der Insel. Ein Wanderparadies ist das da allerdings nicht, aber von der Carretera del Norte – der Verbindungsstraße der Inselhauptstadt San Sebastian mit Hermigua im Norden – geht eine schnucklige kleine Wanderung aus. Wie immer gut ausgeschildert trifft man hier auf die Route PR LG 1.

Ich sag’s gleich: Das eigentliche Ziel, die weißen Höhlen, haben wir aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erreicht, aber wenn der Weg das Ziel ist, sind wir permanent angekommen. Das geht gleich am Anfang los: man läuft ein wenig bergauf, bewältigt quasi noch ohne Japsen die ersten der 250 zu erklimmenden Höhenmeter – und sieht die Roques! Diese monumentalen Felsen sehen einfach nur gut aus, und wenn es sich gerade so ergibt, dass am bewölkten Himmel ein Sonnenloch den Strahl wie einen Scheinwerfer auf den Roque de Agando wirft, dann ist das für die Glückshormone der korrekte Augenblick, sich auszuschütten. Passenderweise hat es bergauf ja gerne Serpentinen, so dass man mal hierhin und mal dorthin blickt. Bei dieser Wanderung ergibt es sich, dass man abwechselnd auf den kuscheligen Hafen von San Sebastian und auf die Felsbrocken im Inselinnern blickt. Das roquet!

Der schnellste Weg zu den weißen Höhlen führt zweifelsohne nicht da lang, wo wir gewandert sind. denn wir folgten den verheißungsvollen Versprechungen unseres Wanderführers und drehten, einmal oben am Kamm der Altoz de Uteza angekommen, eine liebliche Ehrenrunde. Bevor wir die hier aber antreten, müssen die Schönheiten der Höhe noch schnell gerühmt werden. Man sieht: alles! Also auch El Teide, drüben auf Teneriffa. Leider hüllt sich der Teide in Wolken, aber das kennt man ja. Rechts am Kamm vorbei geschaut erblickt man San Sebastian. Ehrlich gesagt sieht der Ort nur von weitem richtig gut aus, sehr viel näher muss man gar nicht ran, denn das Detail ist längst nicht so reizvoll wie der Gesamteindruck von hier oben aus 695 Metern Höhe (plus ca. 165 cm Kamerahöhe…)! Insgesamt aber ist das Panorama beeindruckend. Das schweifende Auge bleibt – mal wieder – an einem Fels hängen, der wie ein Riesen-Gesicht aussieht mit zwei Augen und einem runden Kullermund. Fantasy-Film-Ausstatter brauchen eigentlich gar keine Phantasie, sie müssten nur Urlaub an den richtigen Stellen machen und sich von der Natur inspirieren lassen!

Der empfohlene Umweg über die Häuser von Enchereda ist von der Kategorie “schön, aber”. Gar liebliche dornige Pflanzen haben die Macht über den Weg dorthin übernommen, was zu reizvollen Kratzern eigentlich überall führt. Man pirscht durchs Gehei und wird dann auch noch mit einem kleinen Regenschauer belohnt. Das hätte doch im Wanderführer stehen müssen! Abgesehen davon läuft es sich da ganz nett, und bei Sonne betrachtet liegt die Ziegenalm Enchereda sicher auch ganz reizvoll am Hügel. Wir stapften aber etwas lustlos mit Regenjacken und Kapuzen auf der Zubringerstraße zu der Häuseransammlung entlang Richtung La Guerode. Einen Vorteil hattte das bescheidene Wetter: Wir waren allein dort unterwegs – und es roch gut! Der Weg führt nämlich durch einen Kiefernwald, der bei Regen doppelt lecker duftet als es sowieso schon seine Aufgabe ist.

Irgendwann hörte das Gedröppel auch wieder auf, aber einen Anblick gönnte uns der aufhörende Regen noch: Ein wanderndes Paar kam uns bei La Guerode vauf dem Bergkamm entgegen – mit aufgespanntem Regenschirm. Very British! dachte ich, bis sie uns wenig später bei der Begegnung auf deutsch ansprachen, da schon ohne Schirm, weil der Himmel sich mittlerweile wieder eingebläut hatte.

Wir also rauf wo sie gerade runter kamen. Eine Felsnase gibt den Rastplatz auf vortrefflichste Weise, danach wird’s ein bissl enger und luftiger und – ach, was soll ich sagen: der Nichtschwindelfreie in mir bekam wieder Oberwasser und verlangsamte das Tempo. Slowfoot Uli in Verbindung mit Fotografieren wegen bezaubernder Farben an den Felsen und dramatischen Blicken nach hier oder dort sind eine ungünstige Kombination, um Wanderzeiten einzuhalten. Außerdem haben wir den Weg nicht gefunden, der laut Wanderführer “links etwas undeutlich und stark vermüllt” abzweigt, und obendrein dräute bereits wieder eine Wolkenfront, so dass wir beschlossen umzukehren. Zur Belohnung trafen wir die Außerirdischen wieder, die schon Vallehermoso heimgeleuchtet hatten. Dieses Mal strahlten sie La Laja und Los Chejelipes an, sind aber offensichtlich wieder unentschlossen weiter gezogen, denn in den Zeitungen stand nichts von ihrem Besuch zu lesen.