Archiv für Februar 2005

Mr. Harris’ Bomb

Samstag, 26. Februar 2005

Mr. Harris, his bomb and a cru bourgoiseBritischer Humor kann manchmal sehr trocken sein, walisischer ist es offensichtlich immer. Alan Harris, Waliser in Deutschland, Segelfluglehrer und als Pädagoge bei der Jubi Juist, hatte gestern Abend zu einem Glas bürgerlichen Rotweins geladen. Das Haus zwischen den Dünen birgt manche Erinnerung an die walisische Heimat – unter anderem steht eine Brandbombe im Schrank. Ok, sie funktioniert nicht mehr – aber dass wir ausgerechnet bei einem Mr. Harris eine Brandbombe finden…
“Bomber Harris” war es schließlich, der den Angriff am 13. Februar 1945 auf Dresden kommandierte, seine Brandbomben waren alles andere als lustig. “No relations!” – keine Verwandtschaft, betont der walische Mr. Harris – und verweist auf die Inschrift seiner Wohnzimmerschrank-Reliquie: Es handelt sich um eine (natürlich entschärfte!) deutsche Brandbombe, die die Frau Großmama beim Whist-Spielen gewonnen hat. Im Innern steckte damals übrigens eine 5-Pfund-Note, was in etwa dem Wochenlohn eines walisischen Bergarbeiters entsprach.
Die Bombe, entnehmen wir der Gravur, ist am 21. Februar 1941 auf Swansea geworfen worden. Der getrunkene Wein, ein Cru Bourgeois aus dem Medoc, war Jahrgang 2001.

Aufsandende Winde

Samstag, 26. Februar 2005

SandsturmWenn der Wind aus Osten pfeift, hat man ihn bei einer Inselumwanderung entweder von vorne oder von hinten. Letzteres ist eindeutig angenehmer, bei der anderen Variante lernt man Dehmut und Schweigen: Jedes Wort ist zuviel und führt zu Sand im Mund. Also Klappe halten und den Kopf gesenkt!
Bei Rückenwind kann man aufrecht sehen und reden – wobei der Blick nach unten durchaus spannend sein kann: wüstengleich fegt der feine Sand über den Boden, bleibt an Muscheln, Hölzern und Pflanzen hängen. Skurille Bilder ergibt das. Auch der wehende Wind hat was: als ob Geister zu einem geheimen Treff unterwegs wären, huschen Sandformationen vorbei. An den Dünen suchen sie Halt, schaffen neue Formen. Den Durchbruch zum Übergang von der Nordseite der Insel auf die Südseite, an der die Jugendbildungsstätte liegt, hat es zugeweht – eine rund 80 Zentimeter hohe und nur zwei Meter breite neue Düne ist an einem Tag entstanden!
Auch Mauern verschwinden unter dem Treibsand. “Aufsandende Winde überstäuben die Mauer…” las ich am Abend in meiner Juist-Lektüre. Poetischer kann man es doch nicht formulieren!

Schnee auf Juist

Donnerstag, 24. Februar 2005

Eingeschneit sind wir noch nicht – aber Schnee auf der Insel ist schon eher selten. Die Insel bekommt ihren eigenen Reiz – zwei Bilder, zufällig fast vom gleichen Standpunkt (wenn auch mit unterschiedlicher Brennweite) aufgenommen, zeigen das.
Dünenübergang bei der Jubi 21.2. Dünenübergang bei der Jubi 23.2.

Unterwegs mit Rico und Mandy

Mittwoch, 23. Februar 2005

Rico und Mandy am LeuchtturmZu den vielen Dingen, die nach dem Fall der Mauer nicht genug gewürdigt wurden, gehört aus Westlersicht die Bereicherung der Namen, die man Kindern geben kann – nein: geben muss. Die geballte Häufung von Jaqueline (gesprochen: Jacke-line), Sandy, Cindy, Mandy, Enrico, Kevin, Henry und René (gesprochen: Räneeee)östlich der Elbe offenbart doch, wieviel Weltoffenheit durch Namensgebung ausgedrückt werden kann.
Diese schönen Namen sind jedoch keineswegs nur Menschen vorbehalten, wie wir heute bei einer Kutschfahrt feststellen durften. Die Pferdekutsche ist ja auf Juist das probate Fortbewegungsmittel, wenn man nicht per Pedes unterwegs ist oder die Pedale tritt. Kutschen transportieren als Taxi respektive Bus Menschen, aber auch Material wird mit Pferdekutschen vom Schiff am Hafen zu seinem Bestimmungsort gebracht. Verwegene Männer lenken die Lastenwagen – jedem Wetter ungeschützt ausgesetzt trotzen sie Sonne im Sommer und Schnee im Winter – und Wind eigentlich immer.
Die Kutsche vor der Jubi Juist stand heute früh bereit, Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Hafen zu bringen. Der Kutscher ein breitschultriger Mann in verschlissenem Anorak. Aha, denke ich: Ein Typ! Ein Friese! Ein Insulaner! Da macht er den Mund auf und knödelt in astreinem Thüringisch, so dass ihn keiner der anwesenden Nordlichter versteht.
Seine beiden Pferde scheinen schlauer zu sein. Sie spitzen die Ohren und folgen ganz offensichtlich seinen Anweisungen – und derer gibt es viele. Die ganzen rund fünf Kilometer redet er mit ihnen – und er scheint sie aus seiner ostdeutschen Heimat mitgebracht zu haben, als er im Mai vor zwei Jahren auf die Insel kam. Die Mandy und der Rico aus Thüringen in Ostfriesland auf Juist vor einer Kutsche – das hat doch was.
Fragt sich nur, ob die anderen Pferde auf der Koppel die beiden auch nicht verstehen?

Nebenerwerbsquelle

Dienstag, 22. Februar 2005

Strandgut“Auf Juist sind: 22 Haushaltungen, 14 Pferde, 72 Kühe, 50 Ochsen, 35 Enten, 10 Füllen, 176 Schafe, 187 Lämmer, Vieh- und Landwirtschaft, daneben reiche Strandbeute.” Das schreibt der Juister Heimatforscher Willy Troltenier im Band “Juist gestern und heute” und meint das Jahr 1636. Die Zahlen können wir als überholt abhaken, was sich aber erstaunlicherweise gehalten hat, ist der Punkt “Strandbeute”.
Früher, erzählt man sich, sei die Strandbeute nicht immer freiwillig zur Insel gekommen: Falsch gesetzte Positionslichter halfen nach, den Schiffen reicher Handelsherren den Weg aufs Eiland zu weisen. Das ist heute nicht mehr so – wo kämen wir denn da hin. Aber nett ist die Geschichte aus der Neuzeit dennoch, in der es um Schuhe einerseits und um Holz andererseits geht.
Die mit dem Holz ist kürzer: Irgendwo nördlich von Juist ging vor gar nicht so langer Zeit bei Sturm eine Ladung feinen skandinavischen edlen Holzes über Bord. Dafür verantwortliche Stürme kommen in der Regel außerhalb der Saison, weswegen erstens wenig Touristen auf der Insel waren und zweitens die Juister Zeit hatten, das angetriebene Strandgut einzusammeln. Wie man hört, sollen Herrschaften vom Rathaus noch bei Hausbesuchen darauf hingewiesen haben, dass das Holz bitte dem rechtmäßigen Besitzer auszuhändigen sei – vergeblich. Statt dessen waren handwerklich Begabte mit der Herstellung neuer Treppen oder Schränke längere Zeit beschäftigt. Hört man so…
Die Geschichte der Schuhe begann auch mit einem Sturm, ist aber nur streng anonymisiert weiter zu erzählen. Der sie in der Kneipe berichtete, nannte zwar auch keine Namen, aber doch sehr eindeutige Berufsbezeichnungen – aber der Tresen einer Kneipe ist ja auch ungleich intimer als das Internet…
Nennen wir die handelnden Personen also einfach A und B.
Der A ging am Westende der Insel so für sich hin, als er einen Sack voller teurer Sportschuhe fand. Ohne lange nachzudenken, nahm er sich des Mülls an und brachte ihn zu sich nach Hause. Schöne, teure Markenware – welch Freude! Doch leider, leider waren das, wie A zu seinem Leidwesen feststellen musste, nur linke Schuhe.
“So’n Schiet” fluchte er und machte sich mit Fahrrad und angehängtem Bollerwagen auf den Weg, die dann doch recht wertlose Fracht zu entsorgen.
Unterwegs kam ihm der B entgegen – auf Fahrrad und mit Bollerwagen. Und weil die Juister sich kennen und freundlich sind, hielten die beide für einen kurzen Klönschnack an. Und das war gut so – denn auch B war auf dem Weg der Entsorgung: Er hatte am anderen Ende der Insel lauter rechte Schuhe gefunden! Mit friesischer Gelassenheit sollen die beiden noch an Ort und Stelle die Schuhe sortiert haben – und Juist hatte eine Saison lang Sonderangebote. Erzählte der Mann in der Kneipe voller Bedauern: Er hatte nämlich keins mehr abbekommen…

Nipptide und Ostwind

Montag, 21. Februar 2005

ÜberfahrtJuist, die ostfriesische Nordseeinsel vor dem Norder Festland, ist mit dem Schiff nur bei genügend Wasser zu erreichen. Abhängig von den Hochwasserzeiten bedeutet das: ein- oder zweimal täglich fahren die weißen Schiffe der Frisia hin und her.
Die zunehmende Verlandung hat aus dem Wattenmeer sowieso einen flachen Tümpel gemacht, in dem mühsam ausgebaggerte Fahrrinnen den Inseln ihren Status erhalten. Doch auch der tidenabhängige Fahrplan haut nicht immer hin: “Wegen Ostwinds und Nipptide können wir unseren normalen Weg nicht nehmen, die Fahrzeit verlängert sich auf zwei Stunden” verkündet in schönem breiten friesisch gefärbten Deutsch der Herr vom Bord-Team. Zwei Stunden für vier Kilometer Luftlinie – die Bordgastronomie freut sich…

Umstieg mit Subway

Montag, 21. Februar 2005

Subway Berlin OstbahnhofDas Sein bestimmt das Bewusstsein und das eigene Subway-Restaurant die Wahl der Gestaltung von umstiegsbedingten Leerlaufzeiten bei einer Bahnfahrt. Im Ostbahnhof Berlin gibt es ein Subway – also nichts wie hin. Zwischen zehn und elf bieten sie noch Frühstück an, so dass wir das Deli mit Ei bestellen – Birgit mit Ham, ich mit Bacon. In unserem Subway gibt’s das nicht – weil bis elf sowieso keiner kommt, die Dresdner Neustadt pennt da noch oder arbeitet, je nachdem. Aber lecker ist es!
In Hannover ist das Subway nicht im, sondern etwa 50 Meter vor dem Bahnhof. Ein Riesenladen, der am Wochenende nahezu rund um die Uhr geöffnet hat. Am Sonntag ist es auch dort vergleichsweise ruhig, so dass noch Zeit für ein Schwätzchen mit der Schichtleiterin bleibt – und für Anregungen, was man in Dresden besser machen kann!

Tsunami Shuffle

Montag, 21. Februar 2005

Frank Schätzing gebührt das Verdienst, ganz unaufgeregt und spannend über den Tsunami geschrieben zu haben, als es noch jeder hier zu Lande für reine Fiktion hielt. Die Ereignisse vom 26. Dezember vergangenen Jahres haben gezeigt, wie richtig er alles beschrieben hat – wenn auch für eine andere Gegend unseres Planeten.
Für die lange Zug- und Schiffsreise von Dresden (ab Hauptbahnhof: 8.04) nach Juist (Ankunft 20 Uhr) hatte ich mir die zehn CD umfassende Hörspielfassung von “Der Schwarm” gekauft und mit iTunes gerippt, um sie auf dem iPod hören zu können.
Es ließ sich alles sehr spannend an, wurde auch schnell sehr dramatisch – und ich verstand nicht alles, weil plötzlich Personen und Situationen auftauchten, die irgendwie nicht eingeführt oder erklärbar waren. Ich hegte den heimlichen Verdacht, zwischendurch eingeschlafen zu sein – Sonntags um acht darf man das ja.
Es war aber schlimmer, wie ich beim Blick auf das Display des iPod realisierte: Die bei Musik sehr nützliche Shuffle-Funktion macht sich nämlich bei Hörspielen nicht wirklich gut. Ich habe sie ausgeschaltet und nochmal von vorne angefangen…

Valentinstag

Montag, 14. Februar 2005

Eine BlumeDer Valentinstag ist auch so ein gekünstelter Tag, den die Blumenhändler vor Jahren hier importierten. Mittlerweile machen Händler aller Sparten gerne mit, weil der Februar eben überall ein nicht sehr umsatzstarker Monat ist.
Es geht natürlich auch anders. Wenn schon Blumen, dann vielleicht diese, die im Dresdner Großen Garten eine der winterlich verhüllten Figuren ziert. Zumal sie so nett überreicht wird. Da, bitte, nimm! Ist für Dich!
PS: Etwas heftiger geht es bei youyesyou zu…

Dresden, 13. Februar 2005

Sonntag, 13. Februar 2005

ProtestDer 13. Februar ist den Dresdnern immer schon ein besonderer Tag des Gedenkens gewesen. Früher versammelten sie sich an der Ruine der Frauenkirche, heute stellen sie Kerzen an die äußerlich fertige Frauenkirche. Und sie protestieren auf ihre Weise gegen die Nazis, die Dresden als Ziel ihres Aufmarsches erkoren hatten: Sie standen am Wegesrand und pfiffen, und gewunkken wurde nicht. Einzelne Finger sah man hingegen schon…
Und sie versammelten sich ihrerseits, setzten den etwa 5.000 bundesweit angekarrten Nazis die zehnfache Menge Ortsansässiger entgegen. Und während die Rechten überdimensionierte Lautsprecher einsetzten, um mit ihrer Musik die ganze Stadt zu beschallen, gedachten die Dresdner still: sie zündeten Kerzen an -vor der Semperoper, um aus vielen kleinen das Bild einer großen zu formieren, an der Frauenkirche, auf dem Altmarkt…
13.2.03 | 13.2.04 | Die Glocken der Frauenkirche
Weiße Rose und Kerzen Frauenkirche
Weiße Rosen und Kerzen als Protest gegen die Nazis – und als Zeichen des stillen Gedenkens, des Nicht-Vergessens, der Versöhnung.
Frauenkirche 2004

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